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Erzberg Diskurse 9- Kulturwissenschaft

Projekt Eisenerz (2001) 
 
(C) Strategien der Abwehr der historischen Tatsachen  
 
Erzberg-Diskurse 
 
Vermeidungs-Diskurs „Kulturwissenschaft“  
 
 
Uni-Projekt „Soziale Ökologie Eisenerz“  
Eine Sozialphysik des Verschweigens:
 
 
Von der Homepage: http://www.univie.ac.at/iffgesorg/iff_texte/band5mn.htm 
 
 
Maria Nicolini 
 
 
der nächste Schritt ist immer fällig 
Region 'Eisenerz' nach dem Bergbau? 
 
 
 
Eisenerz, der Erzberg – und sofort melden sich Fragen, denn das Ende des Schürfens zeichnet sich ab: Was dann? Welche Wege führen weiter? Willkommen in der Bergbaufolgelandschaft? Auf einem bürgerschaftlichen ‘Markt der Chancen’ wurde nach Antworten gesucht. Antworten freilich waren nicht zu finden, Anfänge des Auswegs vielleicht. 
"Wählet einen goldenen Fuß, ein silbernes Herz oder einen eisernen Hut! Das Gold währt nur kurze Zeit, das Silber nicht lange; das Eisen jedoch soll ewig dauern. Wählet nur!" Solches rief der Wassermann, jene seltsame Menschengestalt mit dem schlüpfrigen Fischleib, behaust in der Schlucht des Erzbachs, den Bergbewohnern zu, und sie wählten: "Den eisernen Hut, ja, den wollen wir, den zeig uns an!" Der Wassermann wies auf den Erzberg: "Seht, dort steht er! Dort ist der Berg, der euch Eisenmetall für eine Ewigkeit geben wird!" So wurden die Bergbewohner zu Bergleuten. 
Aus sagenhafter Vorzeit reicht die Kunde von der Entdeckung des steirischen Erzbergs, weltweit das größte bekannte Vorkommen von karbonatischem Eisenerz, herein in unsere Zeit. Vermutungen, daß bereits in der Römerzeit hier Erz gebrochen worden sei, sind nicht sicher bestätigt. Ein Schriftstück im Archiv der Stadt Steyr bekundet, "das Erzbergwerk ist erfunden worden nach Christi Geburt im 712 Jahr". Die Mühsal begann, das ‘Glück auf!’ und der Siegeszug der Montantechnik. Und all die Jahrhunderte schlug auch die Brandung der Geschichte an den ‘Eisernen Berg’, denn stets war die Eisen- und Stahlindustrie ein Seismograph wirtschaftlicher und religiöser Entwicklungen. Erz, Macht, Religion, Kriege, sie gehören zusammen. 
Als 1945 das Land in Trümmern lag (Anm.: die typische Vermeidung: von den Römern zum „Wiederaufbau“ nach 1945), kam – Ironie der Geschichte – die österreichische Eisen- und Stahlerzeugung ein letztes Mal in Konjunktur und die Region Eisenerz zu wirtschaftlicher Blüte. Doch jetzt: ‘wirtschaftliche Blüte’ ist ein verlorenes Wort. Man sagt ‘robuster Wirtschaftspfad’ (Finanzminister Edlinger im österreichischen Nationalrat 9.7.98) und ‘Preisoffensive, großer Aufmarsch, Hauptschlacht’ (Rewe-Chef Reischl im ORF 20.2.99). Und der Bergbau in Eisenerz läuft aus, hat nicht mehr Konjunktur. Eisenmetall für eine Ewigkeit? Jetzt, am Ende der Ewigkeit, leuchtet das taube Gestein vom eisernen Hut, irisierendes Rot, harte Halden. 
Grenzwörter 
In der österreichischen Kulturlandschaftsforschung ist auch ein Scheinwerfer auf Bergbaufolgelandschaften gerichtet, auf Landschaften, die dem Bergbau folgen, dessen Folge sind. 1995 begann das Forschungsprojekt ‘Region Eisenerz, Perspektiven zur Gestaltung und Nutzung von Bergbaufolgelandschaften’. Perspektiven, Gestaltung, Nutzung – dieser Titel kennzeichnet Fragen in zwei Richtungen, die miteinander zu verflechten sind: 
die erste Richtung interdisziplinäres Forschen: Gemeinsam erforschen Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus unterschiedlichen Disziplinen die Landschaft Eisenerz, ihre materiell-energetischen Träger, ihre substantiellen und spirituellen Momente. Die wissenschaftlichen Ergebnisse sollen die Spur anzeigen für Gestaltungs- und Nutzungsmöglichkeiten. 
die zweite Richtung Bürgerbeteiligung, bürgerschaftlicher Dialog: Im Rahmen eines Bürgerbeteiligungsverfahrens sollen Bürger und Bürgerinnen der Region Gelegenheit erhalten, ihre eigenen öffentlichen Angelegenheiten, die Gestaltung und Nutzung ihrer Landschaft, gemeinsam zu erarbeiten, zu beraten, zur Umsetzung zu bringen. 
Auf die Frage, wie die Verflechtung dieser beiden Arbeitsrichtungen tatsächlich erfolgt, wie man ergebnisorientiertes Forschen (etwa die montanarchäologische Erforschung der Halden des Erzbergs) mit prozeßhafter Arbeit (etwa einem Bürgerbeteiligungsverfahren ‘Perspektiven für Eisenerz’) in einem Projekt verbindet, wissen wir keine fertige Antwort. Es gibt keinen sicheren Durchstich durch das graue Zwischenmilieu. Ein Stichwort allerdings befestigt zumindest den Willen, dieses Zwischen zu überwinden. Das Wort heißt Verflechtungsdiskurs. Und ich gebe es lieber gleich zu: Es ist nicht ein praktikables Rezept, es ist die Magie, die dem Wort Verflechtungsdiskurs innewohnt und es hier zu einem Hilfswort des wissenschaftlichen Willens macht. Wie ist dieser Wille ausgerichtet: Er stellt den Glauben an eine naturgegebene Autorität wissenschaftlicher Expertise infrage und versucht, Formen der Begegnung von Wissenschaft und Öffentlichkeit zu finden. Wissenschafter und Wissenschafterinnen dürfen nicht bloß Wissen verteilen, sie müssen den Formgebungsprozeß zwischen Wissenschaft und gesellschaftlicher Praxis moderieren. 
Wir sind alle nur "Ameisen der Deutung" sagt Botho Strauß. Wir deuten und werden gedeutet. Wir deuten die Zustände, Vorgänge, das Leben, uns selbst. Und wenn wir Glück haben, kommt aus dem Deuten das Erkennen. ‘Erkennen’ bedeutet zu sehen, wie ein bestimmter Zustand entsteht, welche Richtung er hat. Erkennen ist auch schon infragestellen, ist ein Eingriff in die Vorbilder der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Es kommt darauf an, heißt es in Friedrich Dürrenmatts ‘Portrait eines Planeten’, "die Erde zu kultivieren, denn es gibt keinen anderen Ort für die Menschheit". Was heißt ‘kultivieren’? Und was heißt ‘Ort’ und ‘darauf ankommen’? Das ‘Portrait’ ist eine Konfrontation: Den Göttern wird eine Collage des Erden-Durcheinanders vorgehalten, ein Unmaß von gewöhnlichen, außergewöhnlichen, banalen, absurden Szenen des Glücks, der Freude, der Trauer, des Schmerzes, der Gewalt. Doch die Götter nehmen davon nicht Notiz. Die Erde, uns Menschen so wichtig, unser Zeit-Ort, ist für die Götter bedeutungslos. An uns liegt die Entscheidung: Welchen Kurs wollen wir nehmen? 
Und wieder: Die Antwort überzeugt eher durch die Magie der Begriffe, als durch deren Praktikabilität: Nachhaltigkeit, soziale Verträglichkeit, Interdisziplinarität, Bürgerbeteiligung. Grenzwörter allesamt, stets in der Gefahr, über die Kante zu kippen: 
· Nachhaltigkeit, sustainable development, eine Art Sammelbegriff, in dem 1987 von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung gebündelt wurde, was zuvor an Verträglichkeitspostulaten schon formuliert war: Umwelt- und Raumverträglichkeit, Sozial- und Zukunftsverträglichkeit. Ein ökonomisch-ökologischer Imperativ zur Jahrtausendwende. Handle so, daß auch zukünftige Generationen noch (gute) Lebensbedingungen vorfinden: menschliche Eingriffe in natürliche Lebensprozesse minimieren; mit Raum, Boden, natürlichen Vorräten sparsam sein; natürliche Klangräume schützen; aus der Natur nicht mehr herausnehmen, als sich nachbildet; nicht mehr Schadstoffe emittieren, als in den Umweltmedien (Boden, Wasser, Luft) verarbeitet werden kann. Oft wird die normative Betonung des Begriffs Nachhaltigkeit als ‘aufdringlich’ kritisiert, dringlich ist sie allemal. 
Soziale Verträglichkeit, eine Chiffre für langfristig gerechte Verteilung von Lasten und Nutzen. Gesellschaftliches Leben ist gekennzeichnet und immer auch bedrängt von Verteilungskonflikten: wer hat den Nutzen, wer trägt die Last, wie wird verteilt? Es gibt drei Möglichkeiten: Erstens die Verteilung durch Macht; meistens schweigend, einfach so, als handle es sich um einen Naturvorgang. Plötzlich ist hier die Last, dort der Nutzen. Zweitens die Verteilung durch Lavieren; Last und Lust mit List verteilen. Drittens die Verteilung durch Aushandeln, durch bürgerschaftlichen Dialog. Nicht vordergründige Akzeptanz soll erreicht werden, sondern langfristiges Einverständnis. Sozialverträglichkeit verlangt einen kontinuierlichen aktiven Prozeß, in dem die Widersprüche der Mitglieder einer Gesellschaft so verhandelt werden, daß die Ergebnisse langfristig als vernünftig und gerecht erfahren werden. Nicht nur auf Gegenwärtiges ist Sozialverträglichkeit gerichtet. Zukunftsverträglichkeit ist ihr Wasserzeichen. 
Das Geheimnis der Begriffe Nachhaltigkeit und soziale Verträglichkeit liegt in ihrer Geräumigkeit. Wer wollte nicht nachhaltig wirtschaften, nicht für verträglich gehalten werden? Rettungsbegriffe mit Vieldeutigkeitssinn; unschuldig, fast ein Mythos. In ihrer Sphäre hat vieles Platz. Alles wird versöhnt, in Zukunft sogar, wenn sich Gegensätze vertragen. Wonnebegriff Verträglichkeit, Überlebensbegriff Nachhaltigkeit. Anderseits inflationäre Wortgebilde, mißbrauchsfähig zur Durchsetzung von Sonderinteressen. Wörter im Dienst der friedlichen Oberfläche? 
· Interdisziplinarität bedeutet Erkundung mit unterschiedlichem Blick. Je komplexer ein Forschungsgegenstand, umso notwendiger interdisziplinäres Forschen. "In der Interdisziplinarität hört der Gegenstand auf, etwas in Facetten Zerlegtes zu sein; er gewinnt seine Identität, seine Lebenswirklichkeit" (Benjamin Davy). 
Anderseits die Gefahr des Abrutschens: "Die moderne Grenzenlosigkeit der Interdisziplinarität kann in die Unverbindlichkeit führen ... Wissenschaftliche Ganzheitlichkeit – mir graust vor ihr ... Es ist schon viel geholfen, wenn wenigstens die Kooperation von zwei bis drei Fachrichtungen gelingt – mehr ist Dilettantismus oder Gigantomanie" (Ulrich von Alemann in DIE ZEIT 4.2.99). ‘Ganzheit’, das Wort beschwört eine Sehnsucht, von der wir wissen, daß sie sich nicht erfüllt. Und es zitiert die Trauer unserer Existenz, dieser vergeblichen Suche nach dem besseren Zustand. 
· Bürgerbeteiligung bezeichnet die bürgerschaftliche Teilnahme an Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen in konflikthaltigen öffentlichen Angelegenheiten. Für bestimmte Fälle ist eine solche Teilnahme formal, durch Rechtsnormen, geregelt. Plebiszite gehören hierher, aber auch verwaltungsrechtlich geregelte Rechte, etwa zur Beteiligung als Partei in Anlagenverfahren. Meistens wird jedoch mit Bürgerbeteiligung eine informale Mitwirkung an öffentlichen Angelegenheiten bezeichnet. Einzweckbewegungen zum Beispiel reagieren spontan auf Problemlagen, verschwinden wieder, wenn das Problem gelöst ist, oder formalisieren sich zu Vereinen, runden Tischen, Verlagen undsoweiter. In der Regel ist es angebracht, Bürgerbeteiligung professionell zu stützen und, den Erfordernissen der gegenständlichen Angelegenheit gemäß, eine bewährte Beteiligungsform (Arbeitskreis, Workshop, Netzwerk, Beirat ...) oder ein erprobtes Beteiligungsmodell (Planungszelle, Consensuskonferenz, Zukunftswerkstatt ...) zu wählen. 
Das Instrument wird leicht zum Alibi. Mit ‘Bürgerbeteiligung’ ist nämlich nicht gesagt, daß die Beteiligten tatsächlich etwas bewirken. Beteiligung kann ja in unterschiedlichen Graden erfolgen. Die Wirkung läßt sich dosieren, niedrighalten: Information (etwa in einer Bürgerversammlung) und Bürgerbefragung sind Beteiligungen niedrigsten Grades. Stellungnehmen-können wäre eine höhergradige Beteiligung. Noch mehr wäre ein moderierter bürgerschaftlicher Dialog, in den etwa Entscheidungsträger eingebunden sind und das Maß der Verbindlichkeit von Diskussionsergebnissen vorweg vereinbart wird. Schließlich die verbindliche bürgerschaftliche Mitwirkung an der Entscheidung – die kernigste, aber seltenste Beteiligungsform, der bürgerschaftliche Ernstfall. Und, o Sorge, im Unterstrom der Vorgänge das alte und stets neue Dilemma: Nur ein ohnmächtiger Bürger ist ein geliebter Bürger. Ist es wahr, und ist es wirklich so?  
Gretchenfrage 
"Zwischen dem Reden und dem Handeln liegt das Meer" sagt ein Sprichwort. In den Projektsitzungen – Sitzen, Festsitzen – sind wir so klug, wissen genau, wie Bürgerbeteiligung vorsichgeht – geht, wie ein bürgerschaftlicher Dialog verläuft – läuft. Doch im Handeln, am Ort, bei den Menschen, da ist alles anders. Zwischen Sitzen und Laufen wird der Weg immer länger. Deshalb hier die Gretchenfrage: konnten wir (wir, das ist hier das Projektteam Soziale Ökologie/Bürgerbeteiligung: Gerhard Kollmann, Maria Nicolini, Christian Ocenasek) im Projekt ‘Eisenerz, Bergbaufolgelandschaften’ einen bürgerschaftlichen Dialog einrichten? was haben wir gemacht? auf welche Weise? wo stehen wir jetzt? 
Umfeldanalyse 
"Bürgerbeteiligung ist ein zartes Pflänzchen. Tritt man drauf, ist es tot" (Erich Raith, TU Wien). In einem interdisziplinären Forschungsvorhaben ist nicht nur die erwähnte Verflechtung von (ergebnisorientierter) Forschung und (prozeßhafter) bürgerschaftlicher Arbeit schwierig. Der rauhe Wind weht draußen. Wer will uns? Keiner hat uns gerufen. Da kommt jemand daher, den niemand kennt, und möchte, daß sich Bürger und Bürgerinnen an etwas beteiligen. Bauchladensyndrom heißt das. Es hat in Eisenerz Geschichte. Eine Unmenge von Vorschlägen, Projekten, Konzepten sind hier bereits im Raum gestanden und liegen jetzt in Schubladen. Verschollene Hoffnungen. ‘Konzept’ ist hier ein verbrauchtes Wort. Verbraucht ist der gesamte Vorgang: jemand kommt daher, will irgendetwas ‘machen’, macht ein Konzept, und nachher ist alles wie vorher. 
In unserem Forschungsvorhaben sollte das anders sein: Bürger und Bürgerinnen der Region sollten an der Suche nach Möglichkeiten der Gestaltung und Nutzung ihres Lebensraumes (sic!) mitwirken. Die Lage ist herausfordernd, denn die Region ist im existentiellen Umbruch. Der Erzberg, monopolisierter Leistungsträger, fällt sukzessive aus, damit verliert das Territorium Tragfähigkeit. Einbuße von Lebensqualität und Abwanderung sind die Folge. Wie läßt sich der Zustand sanieren? Wie kann es weitergehen? Fragen, die man ohne die betroffene Bevölkerung nicht beantworten kann. 
Wir überlegten, in welchem Rahmen und nach welchem Modell die Beteiligung der Bürgerschaft erfolgen könnte: Zukunftswerkstätten, Arbeitskreise, Eisenerzer Seminare? Die Überlegungen brachten vorerst keine Entscheidung für ein bestimmtes Modell, wohl aber öffneten sie uns den Anfang, er heißt Umfeldanalyse. Die Umfeldanalyse ist ein Erkundungsinstrument, das dazu dient, Wissen über die Region zu erwerben, Eindrücke. Erkunden ist vorallem gehen, hören, sehen, begegnen. Unbekanntes beschreiten, das bedeutet, in eine Ordnung eintreten, die man nicht kennt. Die fremde Ordnung mag ganz alltäglich erscheinen, dennoch hat sie ihr Geheimnis, das Verborgene, das es nur hier gibt. ‘Vorsichtiges Erkunden’ ist deshalb das Leitwort, das auch schon den Unterschied gegenüber der modischen Outing-Neugier, dem Voyeurismus, markiert. Voyeurismus ist der Feind der Umfeldanalyse. 
Neben dem Erkunden, das eher ein Habitus ist als eine Aktivität, wurden (1996/97) Tiefeninterviews durchgeführt. In einer ersten Serie waren fünfzehn Bürgermeister, Repräsentanten kommunaler Verwaltung aus der Großregion Eisenerzer Alpen, die Partner in Einzelgesprächen. Für eine zweite Serie stellten sich sieben weitere Persönlichkeiten aus der Gegend zur Verfügung. Ein umfangreicher Leitfaden lag den Gesprächen zugrunde, der auf folgende Fragen zielte: 
· Abgrenzung: Was kann als Projektregion gelten?  
· Interessenslagen und -gruppen: Wer hat was zu sagen, mit welchem Gewicht?  
· Handlungsbedarf: In welchen kommunalen Angelegenheiten muß dringend etwas geschehen?  
· Kommunikation: Wie werden Entscheidungen über öffentliche Angelegenheiten getroffen?  
· Bürgerbeteiligung: Welche Formen der Beteiligung erscheinen in der Region durchführbar? In welchen Angelegenheiten scheint eine Motivation zur Beteiligung gegeben?  
· Chancen für das Projektteam: Finden wir als Außenstehende Akzeptanz, wenn wir zu einem bürgerschaftlichen Dialog einladen?  
In einer Eisenerz-Klausur (Juni 97) hielten wir Rückschau auf die Umfeldanalyse und stellten die Ergebnisse Gesprächspartnern und interessierten Persönlichkeiten vor: 
Als Projektgebiet kann die ‘Kleinregion Eisenerz’ gelten. Auf sie wird sich unsere weitere Arbeit konzentrieren. Die Kleinregion umfaßt jene Gemeinden, für die der Erzberg und seine Geschichte noch eine identitätsstiftende Rolle spielen: Eisenerz, Radmer, Hieflau und Vordernberg, Gemeinden, die auch in der Regionalentwicklung kooperieren. Für diese bleibt der Erzberg noch eine zeitlang bedeutsam. An die zweitausend Hektar gehören zum Betriebseigentum, etwa zweihundertsiebzig Arbeitsplätze erscheinen gesichert. Das Schaubergwerk ist mit jährlich über sechzigtausend Gästen die touristische Attraktion. Auch für die Zukunft setzt man auf den Tourismus. Insgesamt zeigt die Umfeldanalyse ein gebrochenes, hartes Bild der Region, der Menschen und ihrer Hoffnungen. Hier einige verkürzte Notate aus den Interviews: 
Ohne Tourismus wird’s nicht gehen. Doch Tourismus allein läßt sich nicht machen; das wäre wie bei einem Pferd mit Scheuklappen: man übersieht wesentliche Faktoren, die verhindern, daß man wieder in eine Monostruktur schlittert. 
Wir sind jetzt in Eisenerz siebentausend Einwohner, in fünf, acht Jahren sind wir fünftausend. Ich brauche dann keine Hauptschule mehr, brauche nicht überlegen, wie ich sie renoviere, sondern, wie ich sie abreiße. Die Infrastruktur läßt sich nicht mehr finanzieren; Kindergärten, Schulen, Wohnungen, Straßen, der Kanal, das Licht. Als Wohnsitzgemeinde wird Eisenerz zu teuer. Die Infrastruktur, die für zwölftausend Leute ausgelegt ist, muß von fünftausend Leuten erhalten werden. 
Man kann aus einem jahrhundertelang gewachsenen Industriegebiet nicht von heut auf morgen eine Fremdenverkehrsregion machen. Die Initiative beginnt im Kopf. Die Eisenerzer Bevölkerung ist stolz und störrisch, der Horizont ist eigenartig auf Fichten und Steine beschränkt. Der Erzberg ist nicht nur das dominierende Landschaftselement, er ist der soziale Dominanzfaktor. Ich vergleiche Eisenerz mit einem Karnickel, das starr ist vor der Schlange, dem Erzberg. Die Herren, das waren immer die Bergleute. So ist es heute noch. Dazu das Betriebsrätedenken. Ganz Eisenerz ist ein einziger Betriebsrat und ein seit fünfzig Jahren subventionierter Betriebsrat. Das klingt lächerlich, ist aber Realität. Der Bürgermeister ist ja auch ein Betriebsrat ... der hat keine andere Denkmatrix ... Der Betriebsrat der Voest-Alpine Erzberg GmbH hat zum Beispiel das Recht, Wohnungen zu vergeben. 
Wir rennen planlos in den Keller und landen immer auf demselben Punkt: Ein Generationswechsel muß stattfinden. Der Gemeinderat orientiert sich an den Überfünfzigjährigen. Diese sind ausschlaggebend für den Wahlausgang, und sie haben Geld. Der Reichtum kommt aus der Bergbaupensionierungsausschüttungshysterie. Die vielen Frühpensionisten sind gesellschaftlich inaktiv. Diese Generation muß gestorben sein, erst dann entsteht Begeisterung für etwas Neues. 
Ich bin sicher, daß aus der Vielfalt kleiner Projekte ein flächendeckender Teppich werden kann, aber man muß der jüngeren Generation Mut machen. Anderseits haben viele Jugendliche keinerlei Motivation, ‘weg von Eisenerz’ ist ihre Devise. Vielleicht geht es uns noch zu gut. Die Region ist arm, aber die Leute, viele, sind reich. Ideen wurden in der Geschichte immer erst geboren, wenn die Not groß genug war (Anm.: z.B. 1938-1945). Die Not ist noch nicht groß genug. (!) 
Das Forschungsprojekt stößt auf Wohlwollen. Es müßte sich hier in Eisenerz länger mit Grundlagenforschung, mit psychologischen Fragen befassen. Ein Ideenpartner sollte die Jugend sein. Man könnte sie zu einer Art Ideenbörse einladen, aus der sich eine Dynamik entwickelt. Gegenüber Veränderungen bestehen Mißtrauen und Vorbehalte. Waldbesitzer und Jägerschaft sträuben sich gegen touristische Nutzungen, die Gastronomie hat Qualitätsmängel. Wir müssen aus dem Dilettantismus heraus. Professionelles Umsetzen der Ideen und managementhaftes Vermarkten unserer Gegend sind notwendig. 
Markt der Chancen 
Die Eisenerz-Klausur galt auch der Vorschau: Was soll der Umfeldanalyse folgen? Was könnte herausführen aus der Verlustgeschichte der Region und ihrer Menschen? Manche, jene, die von früher her noch Halt haben, wollen verweilen, bleiben, wo sie sind. Die andern, die Jüngeren, wollen weiter, die nachschleifenden Flügel erheben, eine Spur finden und eine Sprache. "Ohne Sprache irrt der Blick nur umher" (Peter Handke). 
Schließlich, am Ende der Klausur, war ein Vorschlag für die Weiterarbeit gefunden. Ein bürgerschaftlicher Ideen-Markt soll abgehalten werden: anbieten und nachfragen, herzeigen, betrachten, verhandeln. Regionale Initiativen, Projekte, Aktivitäten sollten sich zusammen mit unserem wissenschaftlichen Vorhaben öffentlich präsentieren: gemeinsame Suche nach Möglichkeiten, Perspektiven, Kooperationen auf einem Markt der Chancen. Und sowieso: in einem festlich-vergnügten großzügigen Rahmen und integriert in die Feiern zum Fünfzigjahrjubiläum der Stadterhebung Eisenerz. Wirklichkeit, Vision, Vernissage, Vergnügen, Verköstigung – die Vorgänge sollten osmotisch sein. 
Viele Vorbereitungen. Im Mai 98 ein Markt-der-Chancen-Planungstag in Eisenerz und die Konstituierung eines Organisationskomitees. Die Planung erfolgt gemeinsam mit regionalen Persönlichkeiten. Nur so kann das Vorhaben ein Ereignis der örtlichen Bevölkerung werden. Das in Eisenerz etablierte EU-Adapt-Projekt @mi-aftermining, das die wirtschaftliche Umstrukturierung der Region unterstützen soll, figuriert mit uns, dem Team Kulturlandschaftsforschung, als Veranstalter. Die örtlichen Vorbereitungen werden vorallem von Brigitte Puchner, Projekt aftermining, besorgt: Postwurfsendungen an die Haushalte, Fragebögen an Erwachsene und Jugendliche, Einladungen und vieles mehr. Schirmgeber des Marktes ist der Regionale Entwicklungsverband Eisenerz. Schirm alias Geld. Ohne die Finanzierung durch den Entwicklungsverband wäre der Markt nicht zustandegekommen. Wir haben zu danken. Und, gewendet der Spiegel, auch der Regionale Entwicklungsverband hat zu danken, all denen nämlich, die den Markt zu einem Markt der Chancen machten, ihm Kontur gaben, Inhalt und Energie. 
Am 29. Oktober 98 öffnet der Markt der Chancen seine Pforten (Galerie Fedl, Eisenerz): Vernissage der Projekt-Ausstellung, englischsprachige Aufführung der ‘Wassermannsage’, Konzert und Kulinarium. Am folgenden Tag unter dem Motto der nächste Schritt ist immer fällig die ‘eisenerzer Dialoge’: großer ‘Gang durch den Markt’ mit Präsentation zahlreicher Initiativen und Projekte [Bergbaufolgelandschaften * @mi-aftermining * Forschungs- und Innovationszentrum Eisenerz * Kupferverhüttung in der Bronzezeit * Sommerakademie * Forschungspartner Joanneum-Research * Nordisches Ausbildungszentrum * Steirische Eisenstraße * Telekommunikation * Telematikzentrum * Teleteaching * Telefonmarketing] danach Diskussionsrunden zu den Themen: Energie aus Biomasse, sanfter Tourismus, der Berg kommt in die Stadt, gesundwerden in Eisenerz. Schließlich diskursive Ausklänge und kulinarisches Verweilen. 
Während sich die Pforten des Marktes schließen, beginnt schon die Nachlese. Entgegen pessimistischen Vorhersagen war der Markt ein voller Erfolg. Viel Gespräch, Diskussion, gute Stimmung, gutes Medien-Echo. Über dreihundert waren gekommen, auch Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft, Politik, vor allem auch Jugendliche, teils solche, die die Ausbildung auswärts absolvieren und jetzt Neues einbringen möchten. Die Erwartungen der Veranstalter wurden übertroffen. Für uns als Projektteam stellen sich natürlich Fragen: 
· Konnte der Markt der Chancen eine Wirkung entfalten bei der Suche nach regionalen Perspektiven? Die Antwort ist ein vorsichtiges Ja. "Ich wollte mich schon von meiner Mitarbeit an der Entwicklung von Eisenerz verabschieden. Der Markt der Chancen bringt diese Absicht ins Wanken" (ein Unternehmer). Immerhin, der Markt brachte Image und Information, Erfahrungsaustausch und Vernetzung. In einzelnen Vorhaben wurden Stolpersteine aus dem Weg geräumt. Studenten und Studentinnen der TU Graz bekundeten die Absicht, Projekte zu verknüpfen (die Idee: neue Arbeitsplätze in alter Bausubstanz). Und die Sommerakademie Eisenerz wird im September 99 beginnen.  
· Welche Schritte folgen nun? In einer Umfrage bei den Mitwirkenden soll erhoben werden, welche Impulse ihnen der Markt gegeben hat. Jugendliche, die an der Veranstaltung beteiligt waren, erhalten eine Urkunde und ein Geschenk. Ein umfassender Markt-Bericht wird erstellt und an alle Mitwirkenden versandt. Der Öffentlichkeit werden die Ergebnisse über die Medien mitgeteilt. 
Die Nachlese-Konferenz mit dem Regionalen Entwicklungsverband (Februar 99) verläuft kooperativ. Nächste Schritte zu vereinbaren wäre verfrüht. Vorhaben müßten nun Kontur gewinnen und an den Entwicklungsverband herangetragen werden. Erst dann kann er (wieder) unterstützend handeln. Eine weitere Zusammenarbeit mit uns, die wir von außen kommen, wird ausdrücklich gewünscht. Was mit dem Markt der Chancen begonnen hat, sollte fortgesetzt werden, denn der Markt sei "sehr gut angekommen" und habe "auch im Nachhinein große Wellen geschlagen".  
· Ist es gerechtfertigt, den Markt der Chancen mit dem Begriff Bürgerbeteiligung zu etikettieren? Will man mit Ja antworten, muß man ‘Bürgerbeteiligung’ weit fassen. Zweifellos ist ein Markt nicht das, was wir ursprünglich vorhatten, ein Bürgerbeteiligungsverfahren. Ein Markt ist kein bürgerschaftlicher Dialog mit kontinuierlicher Schrittfolge, die professionell gestaltet und auf die Mitwirkung in öffentlichen Entscheidungsprozessen gerichtet ist. Die schleppende Auftragsvergabe an unser Projektteam und mangelnde Sicherheit der Finanzierung waren der Grund, daß wir uns auf längerfristige Vorhaben nicht einlassen konnten. Zu leicht werden Erwartungen der Bürger und Bürgerinnen enttäuscht, wenn man ein Beteiligungsverfahren verspricht, ohne daß die Voraussetzungen dafür gesichert sind. So sehr Events im Trend liegen, sie sind nicht Bürgerbeteiligung. Wohl aber kann dieser Markt der Chancen mit den Aktivitäten drumherum als Kooperative von Bürgerschaft, politischer Entscheidungselite und Wissenschaft bezeichnet werden. Er ist eine Adaptierung des Beteiligungsinstrumentariums an die gegebenen Umstände, ein Baustein von Beteiligung. Das Feld für gemeinsame Erfahrung, für Gespräche und weitergehende Zusammenarbeit wurde, ein Stück weit, aufbereitet. Andeutung bloß, oder Anfang? Was nicht war, kann noch werden: ein kontinuierlicher bürgerschaftlicher Dialog.  
· Die Frage zurückgewendet zu unserem Forschungsvorhaben ‘Bergbaufolgelandschaft Eisenerz’: Das Wort Landschaft blieb auf dem Markt eigenartig im Hintergrund. War es bloß Folie für Perspektiven, Platzhalter für ein Gefühl mit dem Namen Heimat? Die regionalen Vorhaben mit erheblicher Landschaftsberührung – gemeint sind die touristische Erschließung der Eisenerzer Ramsau und die Errichtung eines touristischen Leitbetriebs am Leopoldsteiner See – wollten sich nicht auf den Markt begeben. Politische (Hinter)Gründe, unentschiedene Kämpfe? Der Markt, so dicht er war, hatte seine Leerstelle. Dort lag das Wissen um die Möglichkeit des Scheiterns, und Illusionen lagen dort und der morgige Rest. Und über allem stand ein Wort, durchtönte den Markt wie ein Gong, zog einen weg und weiter, hinein in Hoffnungen: Telekommunikation, Telematikzentrum, Teleteaching, Telefonmarketing. Tele, ein Kürzel für Ferne, in dem sich die regionalen Umrisse verlieren. Wird es die Region aus der Not ihrer Geschichte entlassen? "Indem ich die Zukunft mit Erwartungen, Anrufen, Forderungen belebe, verleihe ich der Gegenwart eine Notwendigkeit" schrieb Simone de Beauvoir an Sartre, und auf ein Plakat am Ausgang des Marktes der Chancen schrieben Jugendliche:  
Eisenerz ist schön 
wer weiß das 
 

 

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Letzte Änderung am 4.09.2002