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NS-Zwangsarbeit am Erzberg (Steiermark) 
 
 
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Das erste Projekt (1) - im Überblick

(E) Das „Projekt Eisenerz“ 
Teil I 
Recherche, Seminare, Exkursion, Ausstellung (2000/2001)
 
 
Kurzfassung, März 2001 
 
 
„STEIRISCHES ERZ – Eine politische und künstlerische Lektüre kollektiver Gedächtnisspuren“. Politische, historische und künstlerische Veranstaltung des Forum Stadtpark mit Exkursion.  
 
 
PROJEKTGEGENSTAND:  
 
 
Mit dem Projekt „Steirisches Erz“ beginnt das Forum Stadtpark mit einer historiographischen, politischen und künstlerischen Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die NS-Zwangsarbeit in der Region. Als konkretes Beispiel wurde die noch wenig erforschte NS-Zwangsarbeit am Erzberg in den Steirischen Alpen gewählt.  
 
 
HISTORISCHER HINTERGRUND:  
 
 
Im April 1938, nur wenige Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, hatte Hermann Göring in Linz den Entschluss zur Errichtung der Hermann-Göring-Werke bekannt gegeben. Im nun „Ostmark“ genannten Österreich sollten neue industrielle Großprojekte der Aufrüstung entstehen und Investitionen in die Energiegewinnung aus Wasserkraft sollten die deutschen Kohlengruben entlasten. Die Wachstums- und Beschäftigungswirkung dieses staatlichen Investitionsprogramms war enorm. Es entstanden ganz neue vor- und nachgelagerte Industrien. Die Hermann-Göring-Werke übernahmen in Hinblick auf die künftige Rüstungsproduktion Mehrheitsbeteiligungen an den Eisen- und Stahlwerken Alpine Montan, den Automobilwerken Steyr-Daimler-Puch und den Gussstahlwerken in Judenburg. Die Elektrizitätswerke wurden weitgehend unter dem Dach der neugegründeten Alpen-Elektro-Werke zusammengeschlossen.  
 
Nach dem Willen der NS-Planer sollten nun zur Absicherung der Versorgung im Kriegsfall „heimische“ Erzvorkommen genutzt werden. Damit war vor allem der steirische Erzberg gemeint, der mit in Tagebau und Stollenbaubetrieb gewonnenen 1,8 Millionen Tonnen Erzproduktion jährlich fast ein Viertel der deutschen Eigenförderung von 1937 ausmachte. Das steirische Erz galt als hochwertiger Rohstoff. Man wollte die Produktion daher auf sechs Millionen Tonnen anheben. Doch spätestens seit dem Überfall auf Polen reichten die Arbeitskräfte nicht mehr aus, weil immer mehr Arbeitskräfte zur Wehrmacht eingezogen wurden. In der Landwirtschaft der Steiermark wurden ab 1939 erstmals polnische Kriegsgefangene eingesetzt. Ihnen folgten bald auch Zivilarbeiter aus Polen, wobei sich bereits zu diesem Zeitpunkt die Grenzen zwischen ziviler Lohnarbeit und Zwangsarbeit zu verwischen begannen. Im Dezember 1939 waren dann am steirischen Erzberg die ersten 300 von 1.500 angeforderten polnischen Arbeitskräften angekommen. Es sollte dann nicht mehr lange dauernd, bis weitere Zwangsarbeiter am Erzberg eingesetzt wurden. Am Ende wurden dort Tausende unter furchtbaren Bedingungen ausgebeutet: Zwangsarbeiter aus vielen Ländern, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge aus Mauthausen.  
 
 
Das Projekt „Steirisches Erz“ wird in einer ersten Phase, die mit einer Bus-Exkursion zum Erzberg beginnt, eine Bestandaufnahme durchführen und dabei - in Zusammenarbeit mit Historikern, die bereits Veröffentlichungen zum Thema der Zwangsarbeit vorgelegt haben - verschiedene Techniken der Dokumentation und anderer Formen der Erinnerung erproben.  
 
In einer zweiten Phase, sollen die gewonnenen Ergebnisse und Erfahrungen ausgewertet und bearbeitet werden. Dazu gehören ein Symposium, eine Buchdokumentation, die Umsetzung in historiographische und künstlerische Arbeiten sowie schließlich die Vorbereitung einer Ausstellung.  
 
 
 
 
 
EXKURSION 
 
 
Eintägige Bus-Exkursion nach Eisenerz  
Samstag 10.3. 2001, 9:00 Uhr ab Forum Stadtpark 
 
HINFAHRT: Einführung zum Projekt und zur NS-Zwangsarbeit von Günther Jacob, Referat von clio, Verein für Geschichts- und Bildungsarbeit; in Eisenerz: Rundgang mit Walter Dall-Asen, pensionierter Betriebsrat in Eisenerz und ortskundiger Historiker (Stadt Eisenerz, verschwundene Lager, jüdischer Friedhof), Rückfahrt: Audio und Videoinformationen. Gespräch über weitere Projekte. 
 
TEILNEHMER/INNEN: alle mit dem Gegenstand befasste oder daran interessierte Personen mit und ohne „Berufs“-Bezeichnung. Wir wünschen uns Mitfahrende, die auf die eine oder andere Weise an dem Thema weiterarbeiten wollen. Tickets sind im Forum erhältlich. Während die Busplätze leider begrenzt sind, gilt dies nicht für die weitere Mitarbeit an dem Projekt.  
 
VORANKÜNDIGUNG: Das Projekt wird fortgesetzt. Ende April 2001 (Seminar zur Problematik der „Gegenwart der Vergangenheit“ und zur konkreten Erarbeitung von Konzepten zwecks Repräsentation des recherchierten Materials) und Anfang Juni 2001 (Präsentation der Überarbeitung. Katalog und Ausstellung). Eine lose Dienstags-Vortragsreihe (Februar bis Mai) zu dem Thema ist geplant. Bitte Einzelankündigen beachten oder im Internet nachschauen.  
 
WEITERE INFORMATIONEN AUF DIESER HOMEPAGE 
Konzeption: Günther Jacob, guentherjacob@yahoo.de  
Organisation: Hermi Grabner, Michael Zinganel, Selma Gubensäk.  
 
 

Die Termine: 
Exkursion 10. März 2001 (Samstag) 
Öffentliches Seminar 7. April 2001 (Samstag) 
Ausstellungseröffnung Anfang Juni
 
 
 
 
 
 
 
 
 
BEARBEITUNG DER RECHERCHE-ERGEBNISSE: 
HISTORIOGRAPHISCHE, POLITISCHE UND KÜNSTLERISCHE ZUGÄNGE
 
 
Der Erzberg ist ein Gedenkort, allerdings kein offizieller; ganz im Gegenteil. Die ökonomisch desolate Situation der schrumpfenden Gemeinden rund um den Berg, führt dazu, dass die „Lokalgeschichte“ nun mittels Event-Tourismus (Motorradrennen, HipHop-Open-Air) umcodiert wird. Auch die Führungen am und in den Berg sind mittlerweile vollkommen „disneyfiziert“. In den Stollen, durch die man die Touristen führt, wurden aufwendige Multimedia-Animationen installiert – mit Bergsage, Schürfgeräuschen und sich bewegenden Bergmannsfiguren. Doch unter den vielen Geschichten über das „harte Bergmannsleben“, die man den Touristen erzählt, ist keine einzige über die Jahre 1938 bis 1945. Vor allem an die Zwangsarbeitslager rund um den Berg und an die Existenz eines werkseigenen Konzentrationslagers neben den (heute verschwundenen) Hochöfen wird an keiner Stelle erinnert.  
 
Mit dem Projekt „Steirisches Erz“ soll die Aufmerksamkeit auf ein „verdrängtes“ und zugleich aktuelles Thema gelenkt werden – auf die traumatische und materielle Nachwirkung der NS-Zwangsarbeit in der Gegenwart. Orte wie der Erzberg können als Gedächtnisorte bezeichnet werden. Selbst wenn solchen Orten kein immanentes Gedächtnis innewohnt, so sind sie doch für die Konstruktion kultureller Erinnerungsräume von besonderer Bedeutung. Nicht nur, dass sie die Erinnerung befestigen und beglaubigen, in dem sie diese lokal verankern, sie verkörpern auch eine Dimension von Dauer, die die vergleichsweise kurzphasige Erinnerung von Einzelnen und auch von Gesellschaften, übersteigt. Was bestimmte Orte mit einer besonderen Gedächtniskraft ausstattet, ist vor allem ihre Verbindung mit konkreten Biographien der Täter und Opfer sowie deren Nachkommen.  
 
Den hier aufgezeigten ökonomischen Zusammenhang beweiskräftig zu rekonstruieren ist mit entsprechendem Aufwand möglich. Weitaus schwieriger ist es jedoch, den damit einhergehenden politisch-kulturellen Zusammenhang zwischen damals und heute deutlich zu machen. Die Frage nach dem Erinnern führt ins Zentrum der Kulturentwicklung. Neben der materiellen Tradierung des Nationalsozialismus (Stichwort: Bärental) ist hier auch dessen psychische intergenerationale Tradierung zu beachten – die emotionalen Verpflichtungen der Kinder und Enkel gegenüber der Tätergeneration.  
 
Die materielle Tradierung (im Sinn von Haiders Bärental) wird zweifellos eine Untersuchung der Eigentumsverhältnisse in der Nachkriegszeit erbringen (Aktienkapital, Staatseigentum, beruflicher Aufstieg einheimischer Arbeitskräfte durch die Übertragung schwerer körperlicher Arbeit auf Zwangsarbeiter etc.). Die psychische Tradierung wird vor allem in der Schuldabwehr deutlich: Die Tatsache der Zwangsarbeit am Erzberg wird im touristischen Infomaterial nicht oder (neuerdings) nur ganz nebenbei erwähnt. Die Tatorte sind nicht markiert. Hinzu kommt, dass im Zuge des kulturellem Imagetransfers (im Zusammenhang mit dem Tourismus) die Vergangenheit abermals entsorgt wird.  
 
 
 
 
 

 

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Letzte Änderung am 4.09.2002