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NS-Zwangsarbeit am Erzberg (Steiermark) 
 
 
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Info 8- Zwangsarbeit und Wirtschaftswunder

Projekt Eisenerz 2001 
 
(D) Materialien  
 
Thesen zum Zusammenhang von NS-Zwangsarbeit, Nachkriegs-Wirtschaftswunder und den Beziehungen zwischen Tätergenerationen und ihren Nachkommen.  
 
Geschrieben anlässlich der Installierung einer ÖVP/FPÖ-Koalition. Zuerst veröffentlicht in „Braunbuch Österreich“, Hamburg 2000.  
 
 
Die Industrialisierung der „Ostmark“, die Erben des Wirtschaftswunders und die Rätsel der Erinnerung  
 
Im Oktober 1943 erklärten die Alliierten auf der Moskauer Konferenz die Wiederherstellung Österreichs als selbständigen Staat zu einem ihrer Ziele für die Nachkriegszeit. Bis Mitte April 1945 hatten die sowjetischen Truppen den östlichen Teil Österreichs und Wien besetzt. Im Mai 1945 waren britische, französische und amerikanische Truppen in das westliche Österreich eingerückt; das Land und die Hauptstadt Wien wurden in vier Besatzungszonen eingeteilt, in denen die vier alliierten Mächte mit dem ersten Kontrollabkommen vom Juli 1945 die oberste Regierungsgewalt übernahmen. Ende April 1945 bildete der damals 75jährige Sozialdemokrat Karl Renner - der neben Rudolf Hilferding und Otto Bauer einstmals wichtigste Vertreter des Austromarxismus hatte 1938 offen für den Anschluß an Nazi-Deutschland plädiert - eine provisorische Regierung, die umgehend die Wiederherstellung der Republik Österreich verkündete. Aus den ersten Nationalratswahlen im November 1945 ging jedoch die ÖVP, die sich als Nachfolgerin der Christlichsozialen Partei (CP) von Dollfuß und Schuschnigg versteht, mit 85 von insgesamt 165 Sitzen als stärkste Partei hervor, die SPÖ erhielt 76 Sitze und die Kommunisten 4 Sitze. Während man nun Leopold Figl von der ÖVP zum Bundeskanzler einer Allparteienregierung machte, wurde Karl Renner zum Bundespräsidenten gewählt.  
 
Ein bezeichnender Anfang. Die Erben von Heimwehr und ständestaatlichem Austrofaschismus einerseits und ein rechtssozialdemokratischer Präsident, der 1938 ins Reich gewollt hatte, bildeten die neue Führung. Bereits mit dem zweiten Kontrollabkommen vom Juni 1946 erhielt die österreichische Regierung bedeutend erweiterte Kompetenzen. Die Alliierten behielten sich zwar die Aufsicht über die Demilitarisierung und die Verfügungsgewalt über vormals reichsdeutsche Vermögenswerte vor; die westlichen Besatzungsmächte übergaben jedoch bald das „deutsche Vermögen“ dem neuen Staat, während die Sowjetunion noch unter Berufung auf das Potsdamer Abkommen auf der Beschlagnahme bestand. Seit 1947 waren die Verhandlungen über die Souveränität Österreichs bereits durch die sich zuspitzende antisowjetische Politik des Westens geprägt. Erst 1955 stimmten die Westmächte dem Staatsvertrag zu. Dieser Vertrag stellte die Souveränität Österreichs in den Grenzen von 1938 wieder her, verpflichtete Österreich zu „immerwährender Neutralität“ und untersagte den wirtschaftlichen oder politischen Anschluß an Deutschland. Kurz nachdem die USA, Großbritannien und Frankreich alle Forderungen auf weitere Reparationen aufgaben, verzichtete auch die Sowjetunion auf die österreichischen Lagerstätten für Erdöl, 300 ehemals „deutsche Unternehmen“ und 97.200 Hektar Land.  
 
Parallel zum schrittweisen Rückzug der Alliierten begann in Österreich die Entfärbung der „braunen Flecken“. 1945 beschloß die SPÖ zunächst, daß kein ehemaliger Nationalsozialist in ihrer Organisation eine Funktion ausüben dürfte. Auf einem Plakat wurde sogar gefordert: „Nationalsozialisten nach Sibirien.“ Die antifaschistische Tradition innerhalb der einst sozialistischen SPÖ war jedoch durch die Verfolgung und Ermordung der Linken - darunter viele österreichische Juden - nach 1945 zum größten Teil vernichtet. So ermuntert denn auch noch im gleichen Jahr der damalige SPÖ-Vorsitzende Seitz die nationalsozialistischen „Mitläufer“ zum Eintritt in die Partei. Vom ehemaligen SPÖ-Bundespräsidenten Adolf Schärf ist der Slogan überliefert: „Wer einmal schon für Adolf war, wählt Adolf auch in diesem Jahr“. 1947 hob die SPÖ ihr Funktionsverbot für „Ehemalige“ wieder auf. 
 
Der Konkurrenzkampf zwischen SPÖ und ÖVP um die Stimmen der rund 600.000 registrierten Nationalsozialisten und deren Familienangehörigen, die ab 1949 wieder wählen durften, hatte also schon 1945 begonnen. Bei nur wenigen Millionen Wahlberechtigten bildeten die PGs und ihr Anhang eine riesige Wählergruppe. Alle etablierten Parteien, von der ÖVP über die SPÖ bis zur KPÖ versuchten schon am Ende der vierziger Jahre, dieses Potential zu nutzen, indem sie auf Wahlplakaten offen Amnestie und Gesellschaftsfähigkeit versprachen. Auch die KPÖ gründete nach 1945 mit der „Nationalen Liga“ (und deren Zeitschrift „Österreichischer Beobachter“) eine Auffangorganisation für „Ehemalige“.  
 
Vom ersten Tag der neuen Republik an galt also die Devise, daß es nicht darauf ankommt, was einer einmal gewesen ist. Nazis, die nachweisbar Verbrechen begannen hatten, waren von dieser Schlußfolgerung zwar zunächst ausgeschlossen, aber die Chance, daß solche Verbrechen aufgedeckt wurden, war äußerst gering, weil es kaum jemand gab, der nicht „die Vergangenheit ruhen lassen“ wollte. Nicht zufällig konnte sich Adolf Eichmann, der für den Tod von fast so vielen Menschen verantwortlich war, wie damals in Österreich lebten, bis 1951 im Auseer Land verstecken. In Österreich waren schon im Mai 1945 (mit Graz als Zentrum) mehrere große nazistische Untergrund- und Fluchthilfeorganisationen aktiv, die z.T. noch vor 1945 aufgebaut worden waren, ausgestattet mit geraubten Gold, US-Dollar und Schweizer Franken.  
 
Bis 1947 galt das Nationalsozialistengesetz, das zwischen Belasteten und Minderbelasteten unterschied. Schon zwei Jahre später nahm man, rechtzeitig zu den Nationalratswahlen, die Minderbelasteten aus der Registrierung heraus, und 1957 kam das Amnestiegesetz mit Strafnachsicht und Aufhebung der Registrierung aller NS-Aktivitäten. 23.000 Verfahren hatten in dieser Zeit zu nicht mehr als 500 Urteilen geführt. In offenbar noch größerem Ausmaß als in Westdeutschland, wo z.B. Bundeskanzler Ludwig Erhardt 1965 erklärte: „Wir haben keinen Sinn für jene Bestrebungen, die aus der Zeit der Barbarei für alle Zeiten eine deutsche Erbsünde herleiten und als politisches Mittel konservieren“, konnten die Nationalsozialisten in Österreich gerade über die einflußreiche SPÖ in Justiz, Presse, Wirtschaft und Wissenschaft erstaunlich schnell Führungspositionen einnehmen und Seilschaften organisieren.  
 
„Bis 1966 wurde Österreich von einer Großen Koalition regiert. Darin war die SPÖ stets der schwächere Partner. Ihre Ambitionen, sich der Ehemaligen zu bedienen, waren daher entsprechend größer. Aus mehreren Gründen hatten sie die Nase sogar stets ein ganz klein wenig vorne. Erstens gab ihre im großen und ganzen antifaschistische Vergangenheit der SPÖ den größeren Handlungsspielraum, während sich die ÖVP, sobald sie sich den Nazis näherte, sofort dem Vorwurf des „Bürgerblocks“ ausgesetzt war. Zweitens stellten die Sozialisten im allgemeinen den Innenminister, der als oberster Chef der Polizei beträchtlichen Einfluß darauf hatte, wie mit den Ehemaligen verfahren wurde. Der Innenminister konnte den Belasteten zeigen, daß sie von den Sozialisten am allerwenigstens zu fürchten hatten. Und schließlich gab es in der SPÖ aufgrund des Holocaust und der Emigration in der Nachkriegszeit einen beträchtlichen Mangel an Akademikern. Da die Partei aber zahlreiche Posten zu besetzen hatte - in Österreich sind die gesamte Großindustrie und das Bankwesen verstaatlicht und quasi Parteieigentum - fehlte es an geeigneten Kandidaten. Insbesondere die Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke (VOEST) gerieten auf diese Weise zu einem Sammelbecken von Wirtschaftsmanagern, die dem zuständigen sozialistischen Minister so willig dienten wie seinerzeit dem Führer. Während die beiden Großparteien auf diese Weise begierig assimilationswillige Nazis in sich aufsogen, sammelten sich die Allzeitgetreuen in einer eigenen Partei, dem „Verband der Unabhängigen“ (VdU), aus der die FPÖ hervorging. Der VdU war eine lupenreine Nazipartei, nicht wenige hatten nach dem Krieg Haftstrafen verbüßt, die sie sich unter Kameraden zur Ehre anrechneten. Auch in der FPÖ bildete diese Gruppe den harten Kern. Aber zur Generation der belasteten Väter ist mittlerweile die Generation der (unbelasteten) Söhne und Töchter hinzugekommen“ (Simon Wiesenthal: Recht, nicht Rache).  
 
Daß ÖVP und vor allem SPÖ, obwohl sie schon in den Gründerjahren der Zweiten Republik so viele Nazis aufgenommen hatten, eher selten als Parteien mit verdächtig brauner Färbung wahrgenommen wurden, rührt unter anderem daher, daß man der FPÖ erlaubte, sich einen Ruf als das Sammelbecken der „Ehemaligen“ zu erwerben. Nazis, die untertauchen und sich assimilieren wollten, hielten sich also an SPÖ und ÖVP, während Nazis, die ihre Enttäuschung über die Niederlage nicht verwinden konnten und sich im Milieu des offenen Nazismus heimatlicher fühlten, zum VdU-Nachfolger FPÖ gingen. Die Großparteien tabuisierten die politische Zusammenarbeit mit der FPÖ, griffen sie aber nicht offiziell als Sammelbecken der Ehemaligen an. Immerhin galten die Freiheitlichen lange Zeit als nicht salonfähig. Erst Bruno Kreiskys änderte das, als er, nachdem die SPÖ bei den Wahlen des Jahres 1970 erstmals die relative Mehrheit erlangte, sein Minderheitenkabinett von der FPÖ dulden lies. Acht Jahre später, nachdem die SPÖ die absolute Mehrheit verloren hatte, war dann die Koalition mit der FPÖ kein Problem mehr. Bruno Kreisky berief in sein erstes Kabinett gleich vier Nationalsozialisten: Innenminister Rösch (NSDAP-Mitgliedsnummer 8595796), Bauminister Moser (Nummer 6269837), Verkehrsminister Frühbauer (Nummer 10033793) und Landwirtschaftsminister Öllinger, der es sogar zum Untersturmführer der SS gebracht hatte.  
 
 
Sozialismus durch Barbarei 
 
„Der Nazismus ist ein Phänomen der Vergangenheit, aber die Obsession, die er für die gegenwärtige Phantasie besitzt, und das Hervortreten eines Diskurses, der nicht aufhört, ihn nachzugestalten und neu zu interpretieren, stellen uns vor die Grundfrage, wie dieses Starren auf die deutsche Vergangenheit zu bewerten ist: als nostalgische Träumerei, als Gier nach Spektakulärem, als notwendiger Exorzismus oder anhaltendes Bemühen um Verständnis? Oder aber, immer noch und schon wieder, als Ausdruck tiefer Ängste und bei manchem auch dumpfer Hoffnungen?“  
Saul Friedländer  
 
 
Tatsächlich wirken geschichtliche Ereignisse als materieller und psychischer Fundus nach, sei es als traumatische Prägung, mentaler Habitus, politische Tendenz, institutionelle, personelle und auch ökonomische Kontinuität. Und diese Nachwirkungen bestehen nicht einfach fort, sondern werden in Auseinandersetzungen rekonstruktiv erzeugt und bearbeitet. Es gibt also eine psychische Kontinuität bei den Opfern wie bei den Tätern und - ebenfalls auf beiden Seiten - eine materielle Kontinuität. Viele der zivilgesellschaftlich orientierten Haider-Gegner suggerieren eine tabula-rasa-Situation eines radikalen Neubeginns im Jahr 1945. Sie blenden aus, daß breite Schichten der österreichischen Bevölkerung (ähnlich wie die der BRD) an Raub und Vernichtung auch nach 1945 partizipierten, daß es in diesem Sinn durchaus eine „zweite Schuld“ gibt. Sie ignorieren oder übersehen, daß seit 1945 zwischen Staat, Kapital und Arbeit in Österreich (wie in Deutschland) ganz besondere, „verdrängte“ Beziehungen existieren, die mit dem Mord an den Juden, der Zwangsarbeit und dem Raub zusammenhängen und die Struktur dieser Beziehungen bis heute prägen. Schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigte sich, daß die Arbeits- und Aufbauwut der Tätergeneration zugleich als Droge des Vergessens und als eine Art Revanche gegenüber den Siegermächten verstanden wurde. „Unsere Zeit ist nicht die Zeit des Antisemitismus, sondern die von Auschwitz“ sagt Imre Kertész und meint damit, daß der heutige Antisemitismus einer ist, der sich aus der Abwehr des Wissens um den Holocaust erneuert. Dieses „unbewußte“ Nachleben des Nationalsozialismus in den Nachfolgestaaten des Deutschen Reiches ist vielleicht bedrohlicher als manche neofaschistische Aktivitäten. Das zeigt gerade der österreichische Weg nach ab 1945:  
 
Bemerkenswert rasch besetzten SPÖ und ÖVP in der zur Republik gewendeten „Ostmark“ die wirtschaftlichen und politischen Schlüsselstellungen, kontrollierten das vom Nationalsozialismus übernommene Vermögen und erließen praktisch eine Generalamnestie für nahezu alles, was vor 1945 geschehen ist. Und schon ging es los mit dem Wiederaufbau, der sich verdächtig schnell zum Wirtschaftswunder steigerte. Erstaunlicherweise schienen sich dabei alle einig zu sein, daß auf dem Weg zu einem der reichsten Länder der Welt eine Art Staatssozialismus die beste wirtschaftspolitische Leitlinie ist. Denn in Österreich waren plötzlich Kraftwerke, Ölraffinerien, Grundstoffindustrien, Banken, Druckereien, Kinos und vieles mehr zu volkseigenen Betreiben geworden, d.h. all das ging entweder in Staats- oder in Parteieigentum über.  
 
Was nach Staatssozialismus aussah, war in Wirklichkeit die zweite Vergesellschaftung geraubter Vermögenswerte. Und die ging weit über die Verstaatlichung der Industrie und Energieversorgung hinaus. Gleich nach der Kapitulation entstand mit dem neuen Staat auch ein „Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung“. Nach seinem ersten Leiter auch Krauland-Ministerium genannt, hatte es offiziell die Aufgabe der „Aufarbeitung des wirtschaftlichen Erbes des Nationalsozialismus“. Es hatte die oberste Kontrolle über die „öffentlichen Verwalter“, die sowohl das Eigentum von belasteten Nationalsozialisten verwalteten als auch das in der NS-Zeit „entjudete“ und „arisierte“, also enteignete Vermögen von Juden. Außerdem regelte das Ministerium die Rückgabe des Eigentums politischer, kultureller und gewerkschaftlicher Organisationen sowie den Verkauf und die Verpachtung sogenannter „herrenloser“ Güter, die nach dem Krieg „ohne Besitzer“ blieben, warum auch immer.  
 
Als „erstes Opfer Hitlerdeutschlands“ konnte es sich Österreich erlauben, die wirklichen Opfer des Nationalsozialismus in ihren Entschädigungsansprüchen auf Jahre hinzuhalten oder sie gar leer ausgehen zu lassen. Selbst eindeutige Verpflichtungen aus dem Staatsvertrag wurden nie eingelöst. Viel zitiert und bezeichnend für den mythenverbrämten „Wiederaufbau“ der Zweiten Republik ist der Ausspruch des damaligen Innenministers Oskar Helmer bezüglich der Rückgabe geraubten jüdischen Eigentums: „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen.“ So stellte sich der neue SPÖ/ÖVP-Staat schützend vor die „Ariseure“ und auch die Parteien selbst profitierten reichlich vom geraubten jüdischen Gut. Der ministerielle Ukas gilt offensichtlich auch heute noch. Denn die wenigen noch lebenden Opfer, die damals enteignet, verfolgt, inhaftiert und geschunden wurden, warten noch immer auf eine materielle „Entschädigung“. Nicht anders ist es bei der österreichischen Industrie, die sich mit dem Hinweis auf die erfolgten Lohnzahlungen an die SS bislang erfolgreich gegen jegliche „Wiedergutmachung“ gesperrt hat - und das, obwohl von den 7,5 Millionen ausländischen Zwangsarbeitern im Dritten Reich fast zehn Prozent in der kleinen „Ostmark“ eingesetzt waren. Die „Ausländerquote“ in den Betrieben lag durchschnittlich bei 50 Prozent, konnte aber auch 90 Prozent überschreiten. Die Todesrate unter den Zwangsarbeitern war die höchste im ganzen Reich.  
 
Nun haben Untersuchungen der letzten Jahre gezeigt, daß ÖVP, SPÖ, ÖGB, Kammern, Behörden, einzelne Beamte und Betriebe bei dieser Vermögenssicherung nicht gerade uneigennützig vorgegangen sind. Den rechtmäßigen, hauptsächlich jüdischen Vorbesitzern hatte man zunächst einmal lächerliche Fristen für den Antrag auf Rückerstattung eingeräumt: Die erste Frist lief schon am 31. Juli 1945 ab, sie wurde erst auf Druck der Alliierten verlängert. Anstatt den überlebenden Deportierten einen neuen Start zu ermöglichen, wurden sie hingehalten und, wenn überhaupt, mit ein paar Groschen abgespeist - vor allem dann, wenn das Objekt der parteipolitischen Begierde von volkswirtschaftlicher Bedeutung für den „Wiederaufbau“ war. Während sich die Parteien, nachdem die Großindustrie verstaatlicht und ihre Leute dort untergebracht waren, Verlage, Druckereien, Papierfabriken, Kinos etc. nach dem Proporz aufteilten, holte sich auch der ÖGB nicht nur das frühere Gewerkschaftseigentum zurück, sondern eignete sich überdies das Vermögen an, das die Deutsche Arbeitsfront in den Jahren 1938 bis 1945 „erwirtschaftet“ hatte - die NS-Siedlungsgesellschaft Neue Heimat, den DAF-Verlag Büchergilde Gutenberg - , ohne groß zu fragen , wie dieses Vermögen zustande gekommen war. 
 
Die privaten, meist jüdischen Vorbesitzer (die Nachkommen hatten es noch schwerer) wurden gnadenlos benachteiligt. Falls sie ihren früheren Besitz überhaupt wieder bekamen, wurde er zuvor stark herabgewertet. SPÖ und ÖVP hintertrieben systematisch eine Mitsprache der israelitischen Kultusgemeinde sowie der Opferverbände. Stattdessen wurde mit Walter Kastner ein hochrangiger Nationalsozialist eingestellt, der seinerzeit die Arisierung der Großindustrie durchgeführt hatte und nun als Fachmann für die Rückgabe verantwortlich war. So wie er, der viele Auszeichnungen der Zweiten Republik erhielt, fanden noch weitere hohe „Wirtschaftsnazis“ bei dem Ministerium für Vermögenssicherung Unterschlupf. Als bei den ersten Nationalratswahlen am 25. November 1945 die KPÖ gerade 5,4 Prozent erreichte, schlossen sich SPÖ und ÖVP zur Großen Koalition zusammen und bildeten damit ein volksgemeinschaftliches Machtkartell ohnegleichen. Der Proporz wurde schriftlich vereinbart und galt landesweit bis runter zum Gemeinderat. Man war nun unter sich. Auf diesem Weg entstand ein auch für die Besatzungsmächte undurchschaubares Netzwerk, das bis heute intakt ist. Peter Böhmer, einer der Historiker, die diesen großen Deal auf Kosten der Opfer des Nationalsozialismus (in dem Buch „Wer konnte, griff zu“) untersuchte, wurde noch im Februar 1998 bei der Archivarbeit nachhaltig behindert. Aktenbestände wurden umsortiert oder verschwanden ganz.  
 
Der Fall der einst im Besitz des Ullstein-Verlages stehenden Druckerei Waldheim-Eberle illustriert die Vorgehensweise: 1938 „erwirbt“ die Druckerei M. Müller & Sohn, die den „Völkischen Beobachter“ und „Mein Kampf“ druckte, die damals zweitgrößte Druckerei von Wien. Im April 1948 stellt die Familie Ullstein einen Rückstellungsantrag. Doch zu diesem Zeitpunkt lassen bereits SPÖ, ÖVP und KPÖ dort neue Periodika drucken. Nun erklärt das Ministerium , die Druckerei sei der Republik „verfallen“ und verpachtet sie an eine nach dem Parteien-Proporz besetzte Gesellschaft. Sechs Jahre später geben die Vorbesitzer auf und verzichten auf ihre Ansprüche. Man kauft ihnen den damals auf 70 Millionen Schilling geschätzten Betrieb für 16 Millionen ab.  
 
Bis Januar 1947 waren erst 3.200 Gewerbebetriebe als vormals „arisiert“ bzw. „entjudet“ (aufgelöst) von den Behörden erfaßt worden, obwohl 1938 26.000 jüdische Gewerbebetriebe von den nationalsozialistischen Machthabern gemeldet wurden, von denen 21.000 liquidiert und 5000 „arisiert“ wurden. Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde nehmen an, daß bei den Grundbucheintragungen bis 1953 oft nur ein Viertel des Wertes der Betriebe zurückgestellt wurde. Letztlich gingen nicht mehr als zwei Prozent des geraubten Vermögens an jüdische Vorbesitzer zurück. Die meisten „Ariseure“ und Profiteure der Aufteilung des jüdischen Vermögens - die „wilden Arisierungen“ der ersten Monate wurden ohnehin nie behördlich erfaßt - konnten mit (illegaler und halblegaler) Hilfe von ÖVP und SPÖ ihr neues Vermögen behalten. Bei solchen Aktionen verdienten diverse Privatpersonen, Beamte aus dem Ministerium, Provinzfürsten und andere hohe Bestechungssummen. Amtsmißbrauch, Vetternwirtschaft, Postenschacher und unglaublicher Zynismus begleiteten diese „Vermögenssicherung“. Man raffte wertvolle Büroausstattungen ebenso zusammen wie ganze Kinoketten, die einst in jüdischem Besitz waren und 1938 als „Belohnung“ an „Alte Kämpfer“ verteilt worden waren. Viele Nachkriegskarrieren wurden auf diese Weise möglich, von denen heute die (nichtsahnenden?) Nachkommen profitieren.  
 
Ganz anders ging das Ministerium mit den belasteten Nationalsozialisten vor: Während man die Opfer behinderte, kam man denen, die gerade ihren Führer verloren hatten, weit entgegen, zumal viele frisch gewendete Nazis selbst zu den Entscheidungsträgern gehörten. Die alten und neuen Seilschaften erwiesen sich auch für die „Belasteten“ als lukrativ. Sie ließen sich „Persilscheine“ ausstellen und Nachweise, daß sie alles rechtmäßig erworben hatten. Wo ihnen aufgrund nachgewiesener Verbrechen Vermögensverfall drohte, half man bei der Überschreibung auf den Ehepartner. Nach Unterzeichnung des Staatsvertrages beschloß der Nationalrat eine Vermögensverfallsamnestie, durch die auch verurteilte Nationalsozialisten ihr wie auch immer erworbenes Vermögen zurück erhalten.  
 
183.000 Juden lebten im März 1938 in Österreich, davon 176.000 in Wien. Ihre Entrechtung, Enteignung und Deportationen wurde in Österreich besonders rasch durchgeführt. 65.000 jüdische Österreicher, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, wurden dabei ermordet - in Dachau, Riga, Theresienstadt, Auschwitz oder Mauthausen. Wien ist bis heute ein „Museum des Raubes“ (Hans Safrian). Die 70.000 Wohnungen, die man den jüdischen Mietern genommen hatte (zum Vergleich: in der Zeit des Roten Wien wurden 32.000 gemeinnützige Wohnungen gebaut), sind auch heute noch mehrheitlich in „arischem“ Besitz - nicht selten noch ausgestattet mit Möbelstücken der Vorbesitzer.  
 
 
Steirisches Erz: Die Industrialisierung der „Ostmark“ mittels Sklaverei 
 
„Als Göring am 9. November 1923 am Odeonsplatz in München durch eine Maschinengewehrgarbe verwundet wurde, da brachten ihn treue Freunde auf einsamen Wildpfaden vor den nachfolgenden Häschern in die freien Tiroler Berge Österreichs. In der großen Halle von Karinhall prangte später ein großes Relief, in dem lange vor dem Anschluß schon Österreich ohne Grenzlinien in die Karte Deutschlands eingezeichnet war. Aber Hermann Göring war auch Leiter des Vierjahresplanes und wußte, daß Österreich auch den Erzberg besitzt, wo es Erz und Stahl für den Guß von Kanonen gab, er kannte die reichen Wälder Österreichs, wo es Holz für Zellulose, zum Schiffbau und zur Aufrüstung gab, ihm war nicht unbekannt, daß in Österreich die größten Bauxit- und Magnesit-Vorkommen der Welt lagen und daß Österreich die reichen Erdölquellen in Zistersdorf hat.“  
 
Der Nürnberger Prozeß, Band 19, Seite 66 
 
 
 
Im April 1938, nur wenige Wochen nach dem Anschluß der „Ostmark“ ans Deutsche Reich, hatte Adolf Hitler am Walserberg den Spatenstich für die neue Reichsautobahn vorgenommen. Kurz darauf gab Hermann Göring unter dem Jubel von 25.000 Einwohnern den Befehl zum Baubeginn für die Errichtung der riesigen Hermann-Göring-Werke auf der grünen Wiese in Linz. Das Eröffnungsfeuerwerk im Frühjahr des Jahres 1938 zeigte, wie wertvoll Österreich für Berlin war: Die Wiener Währungsreserven waren für das zu diesem Zeitpunkt bereits devisenarme Reich notwendiger Treibstoff zum Fortsetzen der Aufrüstung. Österreichs Arbeitslose konnte man in den deutschen Fabriken gut gebrauchen, weil es im Reich bereits Engpässe gab. Vor allem aber sollten in der „Ostmark“ neue industrielle Großprojekte der Aufrüstung entstehen und Rieseninvestitionen in die Energiegewinnung aus Wasserkraft sollten die deutschen Kohlengruben entlasten.  
 
Ein 17-Punkte-Programm Görings enthielt unter anderem folgende Vorgaben: Verdoppelung der Produktion der Alpine-Montan (der heutigen Hütte Donawitz und des Erzberges sowie einiger angeschlossener Betriebe); Errichtung eines Hüttenwerkes im Großraum Linz (die heutige VA-Stahl AG/Hütte Linz); Inbetriebnahme der Wiener Neustädter Flugzeugfabrik; Intensivierung der Erdölförderung im Wiener Becken, Bau eines Zellwollewerkes für die Textilindustrie (heute Lenzing AG); Bau von 1.100 Kilometer Reichsautobahn (München-Salzburg-Wien, Passau-Linz, Salzburg-Graz); Errichtung eines Tauernkraftwerkes sowie des Donauskraftwerkes Ybbs-Persenbeug. Weitere Großprojekte wurden zwei Jahre später begonnen: das Aluminiumwerk Ranshofen, die Panzerschmiede „Nibelungenwerke“ in St. Valentin, die gigantischen Flugzeugmotorenwerke in Wien-Neudorf, die Produktion von Flugzeugteilen in Tirol (Messerschmitt und Heinkel).  
 
Die Wachstums- und Beschäftigungswirkung dieses staatlichen Investitionsprogrammes war enorm. Es entstanden ganz neue vor- und nachgelagerte Industrien. Die Hermann-Göring-Werke übernahmen in Hinblick auf die künftige Rüstungsproduktion Mehrheitsbeteiligungen an den Eisen- und Stahlwerken Alpine Montan, den Automobilwerken Steyr-Daimler-Puch und den Gußstahlwerken in Judenburg. Die Elektrizitätswerke wurden weitgehend unter dem Dach der neugegründeten Alpen-Elektro-Werke zusammengeschlossen.  
 
Göring plante schon lange vor dem „Anschluß“, die Eisen- und Stahlkapazitäten in Deutschland und Österreich für Rüstungszwecke zu koordinieren und auszubauen. Nach dem Willen der NS-Planer sollten zur Absicherung der Versorgung im Kriegsfall „heimische“ Erzvorkommen genutzt werden. Damit war vor allem der 1.534 Meter hohe steirische Erzberg gemeint, der mit in Tagebau und Stollenbaubetrieb gewonnenen 1,8 Millionen Tonnen Erzproduktion jährlich gemessen am Eisengehalt fast ein Viertel der deutschen Eigenförderung von 1937 ausmachte. Das steirische Erz galt als hochwertiger Rohstoff. Man wollte die Produktion daher sogar auf sechs Millionen Tonnen anheben. Bereits ab Sommer 1937 lieferte die österreichische Alpine Montan AG jährlich eine Million Tonnen Rösterze vom steirischen Erzberg nach Deutschland und erhielt dafür im Gegenzug 300.000 Tonnen Hüttenkoks. Um nun den Ansprüchen der deutschen Kriegsvorbereitung zu entsprechen, mußten rasch zusätzliche Stahlproduktionskapazitäten her. So entschloß man sich, bei Linz ein großdimensioniertes Stahlwerk zu errichten. 
 
Dabei gaben die Lage an der Donau (der Rhein-Main-Donau-Kanal und damit der Anschluß an die deutschen Kohlengruben wurde gerade geplant) und die Nähe zum steirischen Erzberg (90 Kilometer von Linz entfernt, etwa auf halbem Weg nach Graz) den Ausschlag. Und noch ein Standortvorteil ist zu erwähnen: In einer Entfernung von gerade zehn Kilometer wurde das Konzentrationslager Mauthausen errichtet, und auch das zweitgrößte KZ Ebensee (im Salzkammergut gelegen) war nur siebzig Kilometer entfernt.  
 
Spätestens seit dem Überfall auf Polen reichten die „arischen“ Arbeitskräfte nicht mehr aus. In der Landwirtschaft der Steiermark wurden ab 1939 erstmals polnische Kriegsgefangene eingesetzt. Ihnen folgten bald auch Zivilarbeiter aus Polen, wobei sich bereits zu diesem Zeitpunkt die Grenzen zwischen ziviler Lohnarbeit und Zwangsarbeit zu verwischen begannen. Im Dezember 1939 waren am steirischen Erzberg die ersten 300 von 1.500 angeforderten polnischen Arbeitskräften angekommen. Als dann im Winter 1941 der „Blitzkrieg“ der Wehrmacht vor Moskau zum Stehen kam und immer mehr Arbeitskräfte an der „Heimatfront“ fehlten, explodierte die Zahl der „Fremdarbeiter“ sowie die Zahl der eingesetzten Kriegsgefangenen und Häftlinge. Im Frühjahr 1942 stellten sie fünfzehn Prozent der damaligen Arbeitskräfte. 1943 lag die „Ausländerquote“ auf der Linzer Hütte bei 45 Prozent und in den Eisenwerken waren es 60 Prozent. Da die Ergebnisse der „halbfreiwilligen“ Anwerbung in den okkupierten Ländern gewöhnlich sehr unbefriedigend waren, veranstalteten die deutschen Behörden nun Razzien in den Straßen, Restaurants, auf öffentlichen Plätzen und brachten die gekidnappten Menschen unmittelbar ins Reich. Im Herbst 1944 waren in Österreich schließlich 580.000 „Fremdarbeiter“ gemeldet. Hinzu kamen rund 120.000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich und Italien. In der kleinen „Ostmark“ waren damit so viele Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen eingesetzt, wie die Städte Graz, Linz, Innsbruck und Salzburg zusammen an Einwohnern hatten.  
 
Jetzt zeigte sich, welche Rolle Mauthausen im Rahmen der Umwandlung der in weiten Teilen noch agrarisch geprägten „Ostmark“ in ein Industriezentrum mit hochentwickelter Infrastruktur zugedacht war. Im August 1938 (also wenige Wochen vor der „Reichskristallnacht“) von der SS als Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau errichtet, wurde das Konzentrationslager Mauthausen ab März 1939 zu einem selbständigen Lager, das dann als Schaltstelle aller anderen österreichischen Lager fungierte. Bis 1945 waren in Mauthausen etwa 197.000 Menschen inhaftiert; zirka 100.000 überlebten die Torturen im Lager und während der Zwangsarbeit in den nahegelegenen Granitsteinbrüchen und in den diversen Fabriken nicht. Tausende Häftlinge starben beim Bau von Kraftwerken und Staudämmen, bei der Munitions- Panzer- und Flugzeugfertigung sowie in der Eisen- und Stahlproduktion. Allein in den weit verzweigten „Reichswerken Hermann-Göring“ der „Ostmark“ kamen etwa 7.000 Menschen zu Tode. Das mit über 18.000 Häftlingen größte Nebenlager Ebensee versorgte die Bauprojekte zur Untertage-Verlegung der Raketenentwicklung sowie die Steyr-Daimler-Puch-Werke mit Sklaven. Mauthausen, wo bis zum Beginn der Deportationen nach Auschwitz auch viele Juden und Roma inhaftiert wurden, war von der SS als Lager der Stufe III kategorisiert worden, was bedeutete, daß es noch kein Vernichtungslager war, daß aber der „Tod durch Arbeit“ vorgesehen war. Die durchschnittliche Lebensdauer der Häftlinge lag bei fünfzehn Monaten im Jahr 1939 bzw. bei fünf Monaten kurz vor dem Mai 1945. Praktisch alle relevanten österreichischen Betriebe, aber auch die Kommunalverwaltungen, bedienten sich ab dem Frühjahr 1941 in Mauthausen. Arbeitssklaven, die erkrankten, wurden nach Mauthausen zurückgeschickt, wo sie vergast oder erschossen wurden. Für den nächsten Arbeitstag standen dann schon neue Häftlinge zur Verfügung. Auch die Alpine Montan AG forderte ihre Zwangsarbeiter für den steirischen Erzberg direkt beim KZ Mauthausen an. Im offiziellen Bericht der Justizabteilung (Office of the Judge Advocate General) der 3. Amerikanischen Armee vom 17. Juni 1945 heißt es dazu: „Die sogenannten Zweiglager von Mauthausen standen unmittelbar unter dem Befehl der dort stationierten SS-Offiziere. Alle Berichte, Befehle und verwaltungsmäßigen Einrichtungen für diese Zweiglager wurden von Mauthausen aus geführt. Die anderen Lager, einschließlich der beiden größten und berüchtigten Zweiglager Gusen und Ebensee, wurden nicht ausschließlich zur Vernichtung benützt, sondern die Gefangenen wurden dort als Werkzeuge für Bau- und Produktionsarbeiten verwendet, bis sie so geschlagen oder ausgehungert waren, daß sie nicht mehr arbeiten konnten. Sie wurden dann gewöhnlich nach Mauthausen gesandt, um dort endgültig erledigt zu werden“ (Der Nürnberger Prozeß, Bd. 3, S. 573). 
 
Die ausländischen Arbeiter und die KZ-Häftlinge wurden die Leibeigenen der „Herrenrasse“. Durch die Zwangsarbeit eröffneten sich vielen österreichischen Arbeitern unerwartete Aufstiegschancen. Immer mehr „Herrenmenschen“ wurden, selbst wenn sie ungelernte Kräfte waren, von schwerer körperlicher Arbeit freigestellt. „Schippen und Steineklopfen ist nicht die Aufgabe deutscher Facharbeiter, dafür ist der Russe da. Der deutsche Arbeiter ist grundsätzlich Vorgesetzter der Russen“ (Göring). 18 Millionen Landser konnten nur deshalb über sechs Jahre hinweg von jeder Lohnarbeit freigestellt werden (bei gleichbleibenden oder gar steigendem Lebensstandard an der „Heimatfront“, wo man sich nun sogar Haushaltshilfen von der SS ausleihen konnte), weil andere zur Arbeit gezwungen und ihre Gesundheit oder gar ihr Leben dabei zerstört wurden.  
 
Die neuen Stahlwerke, Aluminiumhütten, Rüstungsschmieden und Zellstoffwerke der „Ostmark“, aber auch die Rüstungswirtschaft im Ruhrgebiet, benötigten viel elektrische Energie. Zu diesem Zweck sollte als Energiequelle die Wasserkraft der österreichischen Flüsse genutzt werden - durch den Bau von Stauseen, Dämmen, Umgehungskanälen, den Einbau von großen Turbinen und die Erstellung landesweiter Verbundleitungsnetze. Zugleich wurden Dampfkraftanlagen neben den neuen Industriebetrieben gebaut. Auch dieses gigantische Energieprogramm, mit dem das „weiße Gold der Alpen“ (Göring) nutzbar gemacht werden sollte, wurde weitgehend mittels Zwangsarbeit realisiert. Die Gesundheit von Tausenden wurden zerstört beim Bau von Talsperren, Laufkraftwerken, Dampfkraftanlagen und Infrakstruktureinrichtungen. Für das Tauernkraftwerk Kaprun oder die Voralberger Illwerke schufteten und starben belgische und französische Kriegsgefangene (die man formell entlassen hatte und dann als „Zivilarbeiter“ zwangsverpflichtete), außerdem sowjetische, jugoslawische, tschechische, spanische Kriegsgefangene und jüdische KZ-Häftlinge.  
 
Sehr viele Menschen starben bei den unzähligen Stollenprojekten. Auch österreichische Industrielle hatten nach dem Desaster der Wehrmacht in Stalingrad erste Überlegungen angestellt, wie sie ihre Anlagen möglichst unbeschadet in den Nachkrieg retten können. Unterirdische Anlagen sollten nun dazu dienen, Maschinen, Ersatzteile und Rohstoffe zu schützen. Überall in Deutschland, in stillgelegten Bergwerken, Steinbrüchen und Tunnels, ließ die Industrie von KZ-Häftlingen Schutzräume bauen, wofür Tausende mit ihrem Leben zahlen mußten. Der Historiker Neil Gregor hat am Beispiel Daimler gezeigt, wie sehr sich dieses mörderische Programm für die Industrie ausgezahlt hat: „Der Konzern ging mit einem weitgehend intakten, den Bedürfnissen der zivilen Produktion entsprechenden Maschinenpark und einer klar definierten Strategie in die Nachkriegsepoche.“ Genau deshalb ließ auch das Steyr-Management in der Nähe des österreichischen Ortes Melk unter dem Tarnnamen „Quarz“ ein weitverzweigtes Stollensystem graben, um die Fertigung unter die Erde zu verlagern. Dabei starben ein Drittel der rund 14.000 Zwangsarbeiter. Das Management wurde nie zur Verantwortung gezogen. Der in die Aktion verwickelte Finanzchef des Unternehmens, Richard Ryznar, wurde nach 1945 Generaldirektor der Firma.  
 
Steirischer Herbst - Das Geheimnis des Wirtschaftswunders 
 
Der Nationalsozialismus hat seinen Anhängern nicht in erster Linie Reichtümer, sondern Macht versprochen. „Wirtschaftliche Belange“, so Alfred Rosenberg, „sollen bei der Regelung des Judenproblems grundsätzlich unberücksichtigt bleiben.“ Die dann doch erfolgte reale Bereicherung, die erst durch Holocaust, Vernichtungskrieg und Zwangsarbeit möglich wurde, galt als „Nebenfolge“ der eigenen Herrenmacht. Doch die fanatische Zustimmung und der Aufopferungswille der meisten Deutschen und Österreicher während des Nationalsozialismus und ihre geradezu erotische Beziehung zum „Führer“ enthalten eine psychologische Dimension, die mit dem Begriff des ökonomischen Interesses nicht adäquat erfaßt werden kann. Letztlich hatten sie doch, auch materiell, zunächst viel verloren. In den Augen der Deutschen und Österreicher war die Vernichtung der Juden und die Unterwerfung der „Untermenschen“ eine Lebensnotwendigkeit, eine heilige Mission. Besonders der Mord an den Juden war weder Statuierung eines Exempels noch Mittel zur Erreichung anderer Zwecke. Um das Ziel der Vernichtung zu erreichen wurden auch Nachteile für die deutsche Kriegswirtschaft hingenommen. Viele der Reichtümer, die den Opfern abgenommen wurden, gingen überdies schon bald in Flammen auf, als die Truppen der Alliierten die Wehrmacht zurückdrängten und schließlich zur Kapitulation zwangen. Doch trotz der eigenen Verluste, hatte Deutschland (und damit auch Österreich) offenbar sehr günstige Voraussetzungen für einen erfolgreichen Neubeginn geschaffen, die erst in den letzten Jahren ins Blickfeld geraten sind.  
 
Schaut man sich die wirtschaftliche Entwicklung Österreichs nach 1945 an, so kann man feststellen, daß die Fundamente vieler Denkmäler des Nachkriegs-Wirtschaftswunders, etwa die Hochöfen von VOEST oder das Kraftwerk von Kaprun, von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen errichtet wurden. Eine große Zahl von Fabriken und Kraftwerken, die wesentlich mittels Zwangsarbeit erbaut wurden, gingen noch während der Zeit des Nationalsozialismus in Betrieb. In einigen Fällen mußte man den Bau oder die Inbetriebnahme jedoch wegen der alliierten Bombenangriffe unterbrechen. Nach dem „Krieg“, wie der Euphemismus für den Holocaust und den Vernichtungskrieg heißt, konnten diese Industriebauten dann mit relativ wenig Aufwand fertiggestellt werden. Solche Projekte, etwa ein Walzwerk in Linz, wurden z.B. mit ERP-Mitteln finanziert und vollendet, wodurch sehr schnell große Steigerungsraten der industriellen Produktion erzielt werden konnten. Steigerungsraten übrigens, die oft von einem hohen Niveau ausgingen. So waren bekanntlich die in Linz geschaffenen gewaltigen Kapazitäten nie für die „Ostmark“, sondern für das ganze Reich projektiert worden. Dadurch wurde Österreich nach 1945 zu einem der größten Stahlexporteure in Europa. Durch die Verstaatlichung des „Deutschen Eigentums“ entging man der Gefahr von Demontagen, während die Alliierten im Ruhrgebiet doch einige Anlagen demontierten und dadurch Nachfrage nach österreichischen Lieferungen schafften. Nachdem die Steyr-Daimler-Puch-Werke von den Amerikanern als Staatsbetrieb der neuen Republik übergeben worden waren, wuchs die Zahl der Beschäftigten von 6.000 im Jahr 1946 auf 17.000 im Jahr 1956. Die VOEST hatte 1950 bereits 10.000 Beschäftigte (1979: 80.000; Anfang der 90er Jahre wurde der Konzern teilprivatisiert. Zu den wichtigsten Folgebetrieben in Linz gehört die VOEST-Alpine Stahl AG).  
 
Auch bei vielen Talsperren, Speichern und Kraftwerken wurde ab 1945 mit geringem Aufwand vollendet, was zuvor Zwangsarbeiter begonnen hatten. Da die Erschließung von Wasserkraft und der Bau von Verbundnetzen sehr hohe Investitionen erfordert, war es für Österreich ein kaum zu überschätzender Vorteil, daß die Ausbauleistung der österreichischen Wasserkraftwerke zwischen 1938 und 1945 um 70 Prozent zugenommen hatte. In Kärnten und der Steiermark hatte sich die installierte Leistung in diesem Zeitraum sogar verdoppelt. Dadurch waren nach 1945 die Ausgangsbedingungen für ein „Wirtschaftswunder“ geradezu glänzend. Stephan Koren, der spätere österreichische Nationalbankpräsident, führte bereits 1964 die Baueuphorie der Nachkriegszeit darauf zurück, daß man in Österreich nur fertigstellte, was unter Einsatz von Zwangsarbeit begonnen worden war: „Die verfügbaren Mittel konnten mit einem unverhältnismäßigen Wirkungsgrad eingesetzt werde, weil teilfertige Kraftwerke vorhanden waren.“  
 
Was für den Bauboom gilt, gilt auch für den Strukturwandel der österreichischen Industrie nach 1945. Dieser war weitgehend bereits in der Zeit des Nationalsozialismus vorbereitet worden. So führte z.B. eine Reform der Berufsausbildung in den metallverarbeitenden Unternehmen und in der Bauindustrie zu einem deutlichen Facharbeiterüberschuß, was nicht nur der Wehrmacht zugute kam, sondern es zunächst möglich machte, weniger qualifizierte Tätigkeiten auf Zwangsarbeiter abzuwälzen. Nach 1945 war das hohe Ausbildungsniveau der Arbeiter eine wesentliche Voraussetzung des „Wirtschaftswunders“. Der Einsatz von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen auch in der Industrie (1945 machten sie dort im Durchschnitt 25 Prozent der Arbeitskräfte aus) wurde zudem durch die Aufnahme von Massen- und Serienfertigungen erleichtert. Diese organisatorische und technische Rationalisierung wurde wesentlich aus geraubten Mitteln und wiederum aus Zwangsarbeit finanziert. Durch die Kombination von Zwangsarbeit, Facharbeit und hohem Rationalisierungsniveau stand die deutsche und österreichische Industrie deshalb 1945 trotz der Zerstörungen glänzend da. Die permanente Modernisierung der Industrie, die mit geraubten Rohstoffen und immer mehr durch Zwangsarbeiter betrieben wurde, hatte den Kapitalstock erheblich verjüngt. Die Alterszusammensetzung und die Qualität des industriellen Anlagevermögens war 1945 optimal: 55 Prozent der Anlagen waren jünger als 10 Jahre. In der Produktionsgüterindustrie waren es zwei Drittel. Zugleich war das gesamte Bruttoanlagevermögen zwischen 1935 und 1945 um 75 Prozent vermehrt worden.  
Hinzu kommen weitere Aspekte: So hatte z.B. die Voralberger Textilindustrie den Einstieg in die neue, höherwertige Produktion der Metallbranche bereits im Nationalsozialismus vorbereiten können. Firmen wie Steyr wiederum gelang es, ihren hochmodernen Maschinenbestand durch Untertageverlagerungen in die Nachkriegszeit zu retten. Mit dem Todtschen Ministerium für Bewaffnung und Munition hatte sich zudem in der „Ära Albert Speer“ ab 1940 ein neuer Managertyp herausgebildet - jung, selbstverantwortlich, rigoros. Zugleich waren Konjunkturforschungsinstitute, volkswirtschaftliche Stabsabteilungen und Planungsbüros entstanden, die nach 1945 Ordnungspolitik und Marktwirtschaft optimal koordinierten. Die eingespielten Teams arbeiteten praktisch ohne Unterbrechung weiter. Trotz der Kriegszerstörungen war die Wirtschaft Österreichs und Westdeutschlands nach 1945 also auf einem sehr modernen Stand. Zusammen mit dem zunächst niedrigen Lebensstandard und der Arbeits- und Aufbauwut der Tätergeneration (und, nicht zu vergessen, der neuen „Sozialpartnerschaft“) waren das optimale Wachstumsbedingungen.  
Die Vorteilnahme ist jedoch viel umfangreicher: Schon vor der „Reichspogromnacht“ haben sich die Deutschen und die Österreicher privat an den Juden bereichert. Arbeitsplätze, Wohnungen und Läden wurden frei, Konkurrenten wurden ausgeschaltet, Firmen, Häuser, Grundstücke und Bankkonten wurden „arisiert“, Möbel und Haushaltsgegenstände von Ermordeten aus ganz Europa wurden später an die „Ausgebombten“ versteigert oder verschenkt. So manches feine Porzellan und so manches Gemälde, aber auch viele profane Gegenstände wie Nähmaschinen, Schränke oder Kinderspielzeug stehen noch heute in den Wohnungen der Tätergeneration. Und so manches Stück wurde an die Jungen vererbt.  
 
Außer Arbeitskräften waren in ganz Europa Lebensmittel, Rohstoffe, Geldbestände, Gold und Silber geraubt worden. Die Wehrmacht ernährte sich weitgehend aus den Beständen der überfallenen Länder. Was den Überlebenden später zurückerstattet wurde, ist absolut minimal und noch heute sträubt man sich gegen Entschädigungszahlungen. Aus all dem ist der heutige Reichtum in Deutschland und Österreich entstanden, der jetzt in die Hände der Erben der Tätergeneration übergeht oder bereits übergegangen ist. Und das ist allen durchaus „unbewußt bewußt“. Ein Beispiel: Zu den wichtigsten Reichtumsquellen der Steiermark gehörten in der Zeit des Nationalsozialismus die Bodenschätze Braunkohle, Magnesit, Salz, Graphit und Eisenerz. Als in Graz 1999 eine weitere Runde des angesehenen Kunst-Events „Steirischer Herbst“ stattfand, ging es dort, neben den obligatorischen Symposien über „Popsubversion“ und „Avantgardestrategien“ (Haider sprach derweil auf dem Marktplatz zu seinen Anhängern), auch um die künstlerische Behandlung des „Traumas der Aborigines“. Sicher ein wichtiges Thema. Was aber ist mit dem viel näher liegenden Trauma der in Österreich oder im Ausland lebenden Opfer des Nationalsozialismus, was mit den überlebenden Juden und Zwangsarbeitern? Warum spricht man nicht auch über das Steirische Erz?  
 
Zur Erklärung des „Wirtschaftswunders“ der 60er Jahre werden in Österreich bis heute die Leistungen des Hilfswerks der Vereinten Nationen, die Finanzhilfen im Rahmen des Europäischen Wiederaufbauprogramms, die Währungsreform und die Verstaatlichungspolitik herangezogen. Doch inzwischen verbreitet sich, wenigstens in der Forschung, langsam die Einsicht, daß die Regenerations- und Akkumulationsfähigkeit und die wirtschaftliche Dynamik, die Westdeutschland und Österreich nach 1945 entfalteten, nur zu verstehen ist, wenn man die Kriegsindustrie, die Zwangsarbeit, den Raub und die Vernichtungspraxis in Betracht zieht, daß also, mit anderen Worten, die Geschichte des „Wirtschaftswunders“ neu geschrieben werden muß. Die These, daß „durch die Arbeit der zum großen Teil zwangsweise eingesetzten ausländischen Zivilarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen eine der wesentlichen Grundlagen des 'Wiederaufbaus' Österreichs nach dem Krieg geschaffen wurde“ (Freund/Pert), ist schon relativ früh entwickelt worden. Bereits 1983 hat Werner Abelshauser in seiner „Wirtschaftsgeschichte der BRD“ das Thema angeschnitten (und kürzlich in den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“ noch einmal ausgeführt). Ein Jahr später hat Michael Geyer deutlicher noch als Abelshauser herausgearbeitet, daß die Rüstungspolitik des Nationalsozialismus gewaltige Umschichtungen in der deutschen Wirtschaft „zugunsten der kapitalintensivsten und arbeitsteiligsten Unternehmen“ nach sich zog und daß, aufbauend „auf der Ausbeutung ausländischer, insbesondere weiblicher Arbeitskräfte und auf der Abschöpfung der durch Zwangssparen und Tribute der besetzten Gebiete finanzierten Rüstungsausgaben ... eine neue Industriestruktur“ entstand. Die Kosten dieser Umstrukturierung waren „abwälzbar wegen des nationalsozialistischen Krieges und der Okkupation.“ (Michael Geyer: Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980). In Österreich waren es vor allem Florian Freund und Bertrand Perz, die dieser Thematik nachgegangen sind (Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge in der „Ostmark“). Entscheidend ist nun aber, daß von dem auf diese Weise entstandenen Nachkriegswohlstand praktisch nur ein Bruchteil an die überlebenden Geschädigten und die nachkommen aller Opfer des Nationalsozialismus zurückgezahlt wurde. 
 
 
Im Bärental: Kinder der Täter 
 
„Die Österreicher machten nur acht Prozent der Bevölkerung des Dritten Reiches aus, aber Nazis aus Österreich sind für die Hälfte der unter Hitler an den Juden begangenen Morde verantwortlich. Das hat zwei Ursachen. Einmal war der Antisemitismus in Österreich wesentlich stärker als in Deutschland, und es brachten daher entsprechend mehr Menschen die psychischen Voraussetzungen mit, deren es bedurfte, um an der planmäßigen Vernichtung der Juden mitzuwirken. Zum zweiten kam Adolf Eichmann aus Linz. Dort erlernte er seinen Antisemitismus, und dort hatte er seine Freunde und Bekannten. Als er daher ausersehen wurde, den Judenmord zu organisieren, war es naheliegend, daß er Österreicher in führende Positionen seiner Organisation berief, die sich dann wiederum österreichische Mitarbeiter holten.“  
Simon Wiesenthal 
 
Einer von Eichmanns Freunden, der zum führenden Funktionär des Judenmords wurde, war Alois Brunner. Brunner wurde Eichmanns „Mann vor Ort“. Bis Februar 1943 deportierte Brunner 47.000 Wiener Juden, kurz darauf schickte er die Juden Salonikis in den Tod und dann die französischen, slowakischen und ungarischen Juden. Im Mai 1945 tauchte Brunner ab. Sein letzter Aufenthaltsort war Syrien.  
 
Eichmann und Brunner hatten noch viele andere gemeinsame Freunde aus den Tagen, als die NSDAP in Österreich in Opposition zu den Austrofaschisten Engelbert Dollfuß (den sie 1934 ermordeten) und Kurt von Schuschnigg (der im März 1938 durch seinen Rücktritt den „Anschluß“ ermöglichte) stand und nach einem Verbot illegal operieren mußte. Drei Männer sind hier besonders hervorzuheben. Der bekannteste ist sicher Ernst Kaltenbrunner. 1903 bei Braunau geboren (wie 14 Jahre zuvor Adolf Hitler), ging er in Linz auf die Schule, auf die auch Adolf Eichmann ging. Bereits 1932 schloß sich Kaltenbrunner der NSDAP an und trat in die SS ein. Im Januar 1943 wurde Kaltenbrunner Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), der Machtzentrale der SS. Er war zuständig für jenen Verwaltungsapparat, der eigens für die „Endlösung der Judenfrage“ geschaffen worden war.  
 
Ein weiterer gemeinsamer Freund aus alten Tagen war Walter Reder. Als SS-Offizier war dieser im Oktober 1944 für ein Massaker in der norditalienischen Stadt Marzabotto verantwortlich, bei dem 270 bewaffnete und unbewaffnete Zivilisten umgebracht wurden. Reder wurde 1954 in Italien wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt und 1985 freigelassen. Bei seiner Rückkehr nach Österreich wurde er vom Verteidigungsminister per Handschlag am Salzburger Flughafen begrüßt. Reder starb 1991 in einem Wiener Krankenhaus.  
 
Wer war der dritte? Simon Wiesenthal nennt ihn bereits 1988 im Rahmen seiner Rekonstruktion von Brunners Lebenslauf beim Namen: „Brunner trat mit neunzehn Jahren in Fürstenfeld in der Steiermark der Partei bei, und im September 1933 gehörte er bereits zum engsten Kreis: Zusammen mit Kaltenbrunner, Eichmann, Reder und Haider (dem Vater des FPÖ-Politikers Jörg Haider) ging er illegal nach München, um in die 'Österreichische Legion' einzutreten - eine paramilitärische, nur aus Österreichern bestehende Organisation, die Österreich, wenn nötig, mit Waffengewalt erobern wollte. Doch das war nicht erforderlich. Als die Nazis am 1. März 1938 die deutsch-österreichische Grenze überschritten, wehrte sich niemand“ (Simon Wiesenthal: Recht, nicht Rache).  
 
Diese äußerst bemerkenswerte Enthüllung über die Vergangenheit von Jörg Haiders Vater hat leider auch in den verschiedenen kritischen Haider-Biographien keine Beachtung gefunden. Dort erfährt man zwar von der Nazi-Vergangenheit von Haiders Eltern, nicht aber, daß Robert Haider mit derart hochrangigen Organisatoren der Vernichtung befreundet war. Und das ist keine Nebensächlichkeit, denn auch wenn Robert Haider mit der Karriere seiner Freunde nicht mithalten konnte, so hat er über deren „Aufgaben“ doch sicher das meiste gewußt. Mit Sicherheit waren auch nach 1945 die Hinrichtung von Kaltenbrunner und Eichmann, die Haft von Reder und die Flucht von Brunner wichtige Themen in der Familie Haider. Und dies gewiß nicht in kritischer Absicht, denn die Haiders sind nach 1945 Nazis geblieben.  
 
Robert Haider, von Beruf Schuster, war schon mit 15 Jahren in die Hitlerjugend eingetreten, beteiligte sich nach dem Verbot der NSDAP an antisemitischen Schmieraktionen. Bei einer illegalen Aktion wurde er festgenommen, konnte aber nach Bayern flüchten. Er war auch im Juli 1934 beim Putschversuch der Nationalsozialisten dabei, nach dessen Scheitern er sich erneut nach Bayern absetzte. 1938 kehrte er nach Linz zurück und wurde Gaujugendwalter der Deutschen Arbeitsfront. 1940 kam er zur Wehrmacht, wurde verwundet und erhielt Auszeichnungen. 1945 wurde Robert Haider schließlich inhaftiert und von den US-Truppen gezwungen, Massengräber mit Opfern der SS auszuheben. Nach der Entlassung hielt er sich als Arbeiter in einer Schuhfabrik über Wasser. Er heiratete die Arzttochter Dorothea Rupp, einst Funktionärin beim Bund Deutscher Mädchen und von Beruf Lehrerin, die nun allerdings einige Jahre Berufsverbot hatte.  
 
Trotzdem scheint es den Haiders ganz gut gegangen zu sein, denn Dorothea Haider hatte einen wohlhabenden Onkel, Josef Webhofer, der 1941 ein 16 Quadratkilometer großes Stück Land - das Bärental - zu einem „günstigen“ Preis erwarb, das zuvor der jüdischen Familie Roifer gehört hatte, die jedoch nach dem Erlaß der Nürnberger Gesetze das Land nicht mehr besitzen durfte. Über diesen Vorgang existiert noch die Enteignungsurkunde vom 1. November 1939, ausgestellt vom „Generalreferent für förstliche Sonderangelegenheiten“ und gerichtet „an die jüdische Gutsbesitzerin Mathilde Roifer“. Das enteignete Grundstück wurde von Josef Webhofer zu einem symbolischen Preis erworben und später seinem Sohn Wilhelm vererbt, der es schließlich 1986 seinem Großneffen Jörg Haider vererbte. Der Versuch der heute in Israel lebenden Familie Roifer im Jahr 1953, das Grundstück zurück zu erhalten, war erfolglos. Die Behörden hielten wichtige Dokumente über den Enteignungsvorgang zurück und zahlten eine einmalige „Kompensation“ von 120.000 Dollar, was etwa zwei Prozent des tatsächlichen Wertes entsprach. Der heutige Wert des Bärentals wird wegen der dort betriebenen Holzwirtschaft auf 30 Millionen Mark geschätzt.  
 
Jörg Haider ist sozusagen der „Idealfall“ eines Täterkindes. Als vergleichbarer Fall in Deutschland kann vielleicht Peter Gauweiler gelten. Dessen Vater Otto Gauweiler hatte 1939 über „rassisch unerwünschte und lebensunwerte Volksgenossen“ promoviert. Ein paar Monate danach ging er nach Polen und setzte dort bei der Naziverwaltung die „Theorie“ in die Praxis um. Vergleichbar sind diese Fälle nicht wegen der Vergangenheit der Eltern, sondern weil es beide Zöglinge drängt, diese Vergangenheit im politischen Feld öffentlich zu verteidigen. Gauweiler hat sich während der Ausstellung „Vernichtungskrieg“ einen Namen als Verteidiger der Wehrmacht gemacht. Jörg Haider, der besonders seit den Tagen der Waldheim-Affäre  
einen ständigen Kampf gegen die „Kriminalisierung der Kriegsgeneration“ führt, verkehrt zudem gerne dort, wo andere Nachkommen hochrangiger Nazifunktionäre verkehren, zum Beispiel auf „Kameradschaftstreffen“, die auch von Gudrun Burwitz, der Tochter von Heinrich Himmler besucht werden. 
 
Haider junior bestätigt einfach alles, was in der einschlägigen Literatur über psychische und materielle intergenerationale Tradierungen als Extremfall bezeichnet wird: Die Eltern, dem Nationalsozialismus treu ergeben und später ohne jedes Schuldgefühl, hatten nach 1945 nur für kurze Zeit einige Nachteile wegzustecken. Bei ihrem 1950 geborenem Sohn erzeugen sie Empathie für die „Leiden“ der besiegten Tätergeneration (besonders für den „Völkermord an den Deutschen“), Antipathie gegenüber den Alliierten und Ressentiments gegenüber den Opfern. Sie schicken ihn aufs Gymnasiums in Bad Ischl, wo er sich der deutschnationalen Schüler-Verbindung Albia anschließt und wo es unter den Lehrern viele ehemalige Nationalsozialisten gibt. Haider schließt die Schule 1968 mit Auszeichnung ab, studiert dann Jura in Wien, tritt dort der Burschenschaft Silvania bei und engagierte sich politisch im Ring Freiheitlicher Jugend, wo er 1970 Bundesführer wird. 1972 bereits Mitglied des Bundesvorstandes der FPÖ, sucht er den Konflikt mit den „liberalen Rechten“, wird 1976 Geschäftsführer der Kärntner FPÖ, drei Jahre später jüngster Abgeordneter im Nationalrat. 1985 erregt er Aufsehen als Anwalt von Nazi-Kriegsverbrechern und verteidigt schließlich Walter Reder, den alten Freund seines Vaters, gegen die israelische Kritik an dessen offiziellen Empfang nach der Entlassung aus italienischer Haft. Ein Jahr darauf erbt er das „arisierte“ Bärental und finanziert aus den Mitteln, die man den jüdischen Besitzern geraubt hat, rassistische und antisemitische Aktivitäten. Ebenfalls im selben Jahr unterstützt er bei der Präsidentenwahl den Wehrmachtsoffizier Kurt Waldheim (der zwischen 1942 und 1945 bei Saloniki eingesetzt war und an der Behauptung festhielt, von der Deportation der Juden nichts mitbekommen zu haben) und wird kurz darauf zum FPÖ-Chef gewählt. 14 Jahre und einige Provokationen später sitzen seine Vertrauten in der österreichischen Regierung.  
 
Was bei Jörg Haider ungewöhnlich offen zu Tage tritt, das ist die mehr oder weniger bewußte Verpflichtung der Nachkommen - psychisch wie materiell - gegenüber denen, die einmal die „Herrenmenschen“ waren. Diese Verpflichtung ist, sieht man von dem materiellen Erbe ab, zum Glück nicht determiniert, aber ihr ist doch schwer zu entkommen, weil sie auch im Unbewußten wirkt. Jörg Haider ist den Erwartungen eines offen nazistischen Milieus gerecht geworden, in dem er auch politisch sozialisiert wurde. In seinem Elternhaus bekam er das Gespür für das Spiel mit Bekenntnissen, Verleumdungen, Distanzierungen, Beschwörungen, Anspielungen, dafür, was gerade noch erlaubt ist, aber aus dem Rahmen fällt und damit Aufmerksamkeit weckt. Es gibt auch eine transgenerationale Übermittlung der Tätersprache. Die Sehnsucht nach Wiederaufnahme und Reaktivierung einst während der Zeit des Nationalsozialismus öffentlich propagierten Sprachverhaltens, das ja heute noch bereitliegt in unzähligen Wendungen und Metaphern, scheint nicht zu vergehen. Dabei geht es nicht allein um die notorischen „Naziworte“ („Arbeitslager“) und die offensichtlichen Vernichtungsphantasien („vergasen“), sondern auch um tiefere Sprachschichten, in denen das Wissen um das Entsubjektivieren, Organisieren, Entrechtlichen, Deportieren und Ermorden seinen unbewußten sprachlichen Ausdruck findet. Dieses permanente „Nachdrängen“ der mörderischen Vergangenheit in den Formulierungen geht einher mit einem permanenten „Bedeutungsentzug“, also das Nichtbemerkenwollen der Metaphorik, die Empörung über den „Verdacht“ von Kritikern. Aber genau deshalb geht auch das gemurmelte Geheimnis von Eltern, die weniger offensiv sind, zusammen mit den verdeckt übermittelten NS-Idealen in die Phantasie der Kinder ein. Die vagen Andeutungen über „schlimme Dinge, die im Osten passierten“ wirken mitunter sogar nachhaltiger als die platte nazistische Agitation. Andererseits belegt die neuere Literatur, daß Kinder von hochrangigen oder besonders fanatischen Nazis, besonders wenn diese sich auch noch nach 1945 nazistisch betätigen, den Tradierungen nationalsozialistischer Haltungen und Einstellungen besonders stark ausgesetzt sind. Verstärkt wird diese Tradierung zusätzlich, wenn auch das sonstige Milieu ziemlich braun ist.  
 
Das ist der Fall in Kärnten, wo die FPÖ bei der letzten Nationalratswahl 38,6 Prozent und in einzelnen Orten über 50 Prozent aller Wähler erreichte. In Kärnten, jedenfalls in einem bestimmten, relativ großen Milieu von Kärnten, hängt der aktuelle Haß gegen alles Fremde besonders eng mit dem tradierten zusammen und lebt das Urteil, das damals über die Nichtzugehörigen gefällt wurde, fast unverändert in den Meinungen „der Leute“ bis heute fort. In Krumpendorf/Kärnten treffen sich die Männer von der ehemaligen Waffen-SS und freuen sich, wenn Jörg Haider zu ihnen spricht: „Ich glaube, daß man ein Gegengewicht setzen muß, denn sonst würden wir wirklich in einer Welt von Chaoten leben, und dafür habt Ihr letztlich nicht gekämpft und auch Euer Leben riskiert.“ (1995). In Kärnten mag man keine Slowenen, weil schon die Kärntner SS alles Slowenische und überhaupt Jugoslawische haßte und slowenische Gefangene besonders sadistisch behandelt hatte. In Kärnten, wo es für „arische“ Mütter jetzt den Kinderscheck gibt, mag man keine schwangeren Ausländerinnen, weil man sich dort noch an die amtliche Mitteilung der „Landesbauernschaft in Kärnten“ vom 10. August 1944 erinnert, die besagte, daß jede einzelne Schwangerschaft bei nichtdeutschen Frauen der Arbeitseinsatzdienststelle bekanntzugeben sei, damit diese Frauen die Kinder „im Spital durch operativen Eingriff entfernen lassen“, denn die Geburten „fremdvölkischer Frauen stellen eine volkspolitische Gefahr“ dar. In Kärnten, wo ausländische Arbeitskräfte immer noch „Fremdarbeiter“ (Haider) genannt werden, hofft man auf die Einführung einer „verpflichtenden Identifikationskarte für Ausländer mit Fingerabdrücken“ (Radio Kärnten am 24.11.99), weil man das schon einmal hatte: „Dr. Servatius (Anwalt im Nürnberger Prozeß): Wie waren die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter in Ihrem Gau? Rainer (ehemaliger Gauleiter von Kärnten): Die Lebensbedingungen waren die allgemeinen und normalen. Dr. Servatius: Wo waren diese Leute untergebracht? In Lagern? Und haben Sie solche Lager gesehen? Rainer: Sie waren untergebracht bei ihren Arbeitgebern. Dort, wo sie in größerer Zahl auftraten, in Lagern, die betreut wurden durch die Deutsche Arbeitsfront. Dr. Servatius: Können Sie die Namen dieser Lager nennen? Rainer: Einen besonders guten Eindruck machte mir ein Lager beim Wasserkraftbau im Lager Münd an der Drau, ebenso in Schwabeck. Dr. Servatius: Wie verhielten sich die ausländischen Arbeiter am Schluß des Krieges? Gab es Unruhen? Rainer: Nein. Das Verhältnis zur Bevölkerung war ein gutes, denn der Kärntner ist ein gutmütiger und verträglicher Schlag. Dr. Servatius: War die Nationalsozialistische Partei stark vertreten in Kärnten? Rainer: Ja. In Kärnten gab es so viele Nationalsozialisten, daß Kurt Schuschnigg (Bundeskanzler bis 1938 und Chef der antisemitischen Christlichsozialen Partei, die damals mit den Nazis um den besseren Faschismus konkurrierte, Anm. GJ) einmal sagte: 'Ein Stacheldraht um das Land herum, und das Konzentrationslager wäre fertig'„ (Nürnberger Prozeß, Bd. 16, S. 146). 
 
 
Das Rätsel der Gabe: Erbrecht und persönliche Verpflichtung 
 
Der intergenerationale „Dialog“ über den Nationalsozialismus ist durch gegenseitige Erwartungen und Zuschreibungen charakterisiert, durch Identifikationsangebote der Alten und durch Identifikations- und Abgrenzungswünsche der Jungen. Auch Ingeborg Bachmann kommt aus Kärnten und auch sie wuchs dort als Tochter eines Lehrers auf, der NSDAP-Mitglied war. Doch Ingeborg Bachmann flüchtete nach Wien, wo sie 1946 ihr Philosophiestudium und den Kontakt zur Literaturszene aufnahm. Es ist also durchaus Jörg Haiders eigene Leistung, daß er politisch und mental derart auf seine Erzeuger heraus kommt. Andere mit ähnlichem Hintergrund haben sich aus der nazistischen Tradierung gelöst und sind Sozialdemokraten, Christdemokraten, Liberale oder Linke geworden.  
 
Nun ist aber seit den 80er Jahren zu beobachten, daß sich die Verpflichtungen der Jungen gegenüber der Tätergeneration auch anders bemerkbar machen können als im Fall Haider und daß es sogar möglich ist, die Empathie für die Tätergeneration mit einer Empathie für die Opfer zu verbinden. Es wäre daher darüber nachzudenken, inwieweit das Zugehen der eher linken Nachkommen der Tätergeneration auf die Alten zurückwirkt auf die Rhetorik eines Haider. Eröffnen sich ihm neue Möglichkeiten, wenn die Einfühlung in die „Zwänge“ und „Umstände“, denen deutsche Landser und deutsche Nationalsozialisten einst ausgesetzt waren, auch von links enttabuisiert wird? Kann es sein, daß die neuesten „liberalen“ Zwischentöne von Haider, wenn er über den Holocaust spricht, den Sound der Linken imitieren? 
 
Einer der ersten Vorsitzenden der westdeutschen Grünen, der 1989 verstorbene August Haußleiter, hatte während des Nationalsozialismus und danach antisemitische Schriften verfaßt; der erste grüne Alterspräsident im Bundestag, Werner Vogel, entpuppte sich als ehemaliges NSDAP-Mitglied und SA-Mann. Hannes Heer vom Hamburger Institut für Sozialforschung sagte 1997 in einem Interview mit der jungen Welt: „Mein Vater blieb Parteimitglied bis zum Ende des Krieges. Aber man kann diese Menschen nicht nur als Mitwisser von Verbrechen bezeichnen, man muß gleichermaßen zur Kenntnis nehmen, daß sie selbst viel Leid, Todesängste, Verwundungen, Kameradentod und Gefangenschaft erlebt haben.“ Könnte dieser Satz nicht auch von Haider sein? Für sich genommen schon: „Für mich hat es eine Ära gegeben, in der es zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist, in die unsere Väter verwickelt waren. Und gleichzeitig hat es in diesem Rahmen des NS-Regimes Vorgänge gegeben, die nicht zu akzeptieren sind“ (Haider). Es versteht sich, daß Haiders Satz in einen ganz anderen Diskurs eingebettet ist als der von Heer. Viele Interviews mit Haider zeigen, daß er nur nach sehr hartnäckigen Nachfragen bereit ist, auszusprechen, was er mit „Vorgängen“ meint. In dem Interview, dem der obige Satz entnommen ist, fragt der Journalist zweimal nach: „Höre ich richtig? Was nennen Sie Vorgänge?“ Darauf Haider: „Na ja, es waren Aktivitäten und Maßnahmen gegen Bevölkerungsgruppen.“ Darauf der Journalist: „Haben sie Schwierigkeiten, von Vergasungen und Massenmord zu sprechen?“. Haider: „Wenn sie so wollen, dann ist es halt Massenmord.“ Haiders Satz, der zunächst dem von Heer durchaus ähnlich ist, steht in der Tradition der Schuldabwehr, die er von seinen „Vätern“ kennt. Diese haben, was die Formulierung von Relativierungen angeht, eine große Virtuosität entwickelt, und weil Haider das von Kindesbeinen an gelernt hat, ist er auch selbst so virtuos im Jonglieren zwischen Affirmation und Distanzierung. Oder anders gesagt: Seine Distanzierungen sind Relativierungen unter den heute herrschenden Bedingungen: dem nach dem Holocaust obligatorischen Verbot jeder offenen nationalsozialistischen Wiederbetätigung und jedes expliziten Antisemitismus.  
 
Was jedoch bleibt, ist die Tatsache, daß Haider sich heute mehr denn je bei der Verfolgung seiner Strategie verdeckter Relativierungen auch an Fragmente des eher linken Diskurses über den notwendigen „Dialog der Generationen“ halten kann. Zugleich stellt Haider für diesen eher linken Diskurs eine Bedrohung der eigenen Identität dar, denn dadurch, daß Haider so offen als Erbe auftritt, dadurch, daß er so offen zeigt, wie sehr bei Kindern von Tätern oft materielles Erbe (das Bärental) und ideelles Erbe (der Wille zum Dialog, die Versöhnung) zusammenhängen, verrät er auch etwas über das geheime Zentrum (den Holocaust) und das geheime Band (Erbe und Elternliebe), das Alte und Junge, wo auch immer sie politisch gerade stehen, letztlich verbindet.  
 
Es könnte daher sein, daß die nach den Nationalratswahlen zunächst vorhandene Mobilisierungshemmung auf Seiten der Haider-Gegner (ihre erste Großdemonstration fand erst am 19. Februar statt), vor allem aber der Umstand, daß auf keiner der Anti-Haider-Demonstrationen die Forderungen der Zwangsarbeiter eine irgendwie erkennbare Rolle gespielt haben, auf ein gemeinsames Unbewußtes zurückzuführen sind. Das linke Schweigen während der Anti-Haider-Demonstrationen zur Situation der Zwangsarbeiter, das ja durchaus als Teil des allgemeinen Kleinkriegs gegen die Opfer interpretiert werden kann, könnte ein Hinweis auf das geheime Wissen sein, daß der eine das Bärental hat und der andere vielleicht eine Altbauwohnung in Wien. 
 
So wie linke Antirassisten ihre Europafahnen schwenken und dabei nicht daran denken, daß die wenigen anwesenden Migranten dabei eher an das Abkommen von Schengen erinnert werden (oder vielleicht doch: der linke Wiener Autor Konrad Paul Liessmann hat sich öffentlich zum „Problem des Asylmißbrauchs“ bekannt), so propagieren sie die Zivilgesellschaft, ohne daran zu denken, auf welchen finanziellen Grundlagen diese in Österreich steht (oder vielleicht doch: ihr Modell von Zivilgesellschaft gleicht eher einer Patchwork-Ständegesellschaft, in der Arm und Reich, Künstler und Migranten, Jungunternehmer und Zwangsarbeiter auf einem ihnen zugewiesenen Platz verharren).  
 
Die Angehörigen der Tätergeneration haben die Elendsgestalten, die sie Ostarbeiter oder Kriminelle nannten, noch ganz deutlich vor Augen, und jeder Bettler ruft in ihnen die alte Aggression wach. Die Alten sind nach dem Exzeß plötzlich Bürger einer Demokratie geworden, die sie nicht gewollt hatten, die ihnen aber nach allem, was sie eigentlich befürchtet hatten, letztlich wie eine Belohnung vorgekommen sein muß. Aber für sie gab es nie eine Lebensphase, in der sie sich nicht auf diese oder jene Weise zu diesem ihrem „Ursprung“ verhielten. Bei den Nachkommen ist das etwas anders. Sie kennen die Bilder nur aus historischen Werken, aber sie spüren die Trauer der Alten um den Verlust der Herrenmenschenposition. Für die Jungen bilden Holocaust und Vernichtungskrieg ebenfalls das geheime Zentrum vieler ihrer psychischen, intellektuellen, politischen und kulturellen Anstrengungen, aber das ist stets vermittelt über die familiären Beziehungen. Das Wissen, daß der heutige Reichtum nicht zuletzt auf Vernichtung und Zwangsarbeit beruht, bildet in Österreich wie in Deutschland daher das gemeinsame geheime Zentrum der ganzen Misere.  
Gutwillige Leute sind entschieden „gegen Rechts“, aber ebenso entschieden machen sie sich unbewußt oder bewußt zu Komplizen, indem sie die Vergangenheit ständig von der Gegenwart abspalten. Der Mann aus dem Bärental kann sich darauf verlassen, daß sie den Ast nicht absägen werden, auf dem auch sie sitzen. Ihm bleibt nicht verborgen, daß die derzeit auch in Österreich geführte Diskussion über die Reform der Vermögenssteuer das Erbrecht stets ausklammert. Während die Erhöhung der Vermögenssteuer (in Deutschland: die Wiedereinführung) gute Umfragewerte hat, weil sich kaum jemand betroffen fühlt, ist das bei der Erbschaftssteuer anders, denn gerade zur Zeit wird viel geerbt. Das Erbrecht selbst ist sogar ein völliges Nichtthema, obwohl doch Haiders Bärental geradezu danach verlangt, das Erbrecht einzuschränken. Aber das Erbrecht gehört zum Tausch zwischen den Generationen, der einen Sonderfall der Ökonomie des symbolischen Tausches darstellt. Das moderne Erbrecht basiert zwar auf der Notwendigkeit der Akkumulation und soll deren Fortsetzung garantieren, aber genau genommen, ist das Erbrecht eher eines der Rätsel der Gabe, denn jedes Erbe begründet ein persönliches Verhältnis von Schuld, Anerkennung, Dankbarkeit und Verpflichtung. Das Gesetz der Familie setzt die Gesetze des Geschäfts außer Kraft. Seine Logik ist die der Gabe und nicht des Äquivalententausches oder des Kredits. Auf Darlehen zwischen Eltern und Kindern werden keine Zinsen erhoben, und selbst der Rückzahlungstermin bleibt meistens offen. In der symbolischen Ökonomie stellt das Anrecht auf ein Erbe somit eine Art kulturelles Kapital dar. Aber nach den Regeln der Gabe steht der (potentielle) Erbe auch schon zu Lebzeiten in der Schuld der älteren Generation. Die Jüngeren fühlen sich verpflichtet. Deshalb wird in diesem Tausch mehr tradiert als Geld und Grundstücke. Dem Erbe muß man sich als würdig erweisen, man muß es in Ehren halten. Das Erbe kann aber auch mit einer Hypothek belastet sein und darüber zur Last werden. Wird es dennoch angenommen, so muß es gegebenenfalls von dieser Belastung symbolisch gereinigt werden.  
Ein Mensch, der für die Deutschen und Österreicher als Zwangsarbeiter geschuftet hat und das Glück hatte, zu überleben, hat nicht nur ein lebenslanges Trauma, er hat auch seine Gesundheit ruiniert und oft sein Vermögen verloren. Auf der anderen Seite erben die Nachkommen derjenigen, die all das verantworten, deren Vermögen und deren Staat. Sie erben damit auch die Verantwortung für die Taten. Das Erbe ist also mit einer Hypothek belastet, und wir können beobachten, wie die Nachkommen es von dieser Hypothek symbolisch reinigen wollen. Andererseits können sie den persönlichen Verpflichtungen gegenüber den Erblassern nicht ausweichen. Aus dieser Konstellation ergibt sich ihre ambivalente Position gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus und deren Erben, die eine ganz andere Last übernehmen. Über die Zahlung von Entschädigungen bestimmt schon heute nicht mehr die Tätergeneration. Die Verhandlungsdelegationen, die Historiker und die Industrievertreter sind alle Erben. Nicht alle von ihnen besitzen ein Bärental, aber nicht nur Haiders Erbe beruht auf Raub und Mord. Insofern gibt es eine eigenartige Nähe zwischen dem Erben Haider und den Erben, die gegen Haider sind. Sie teilen ein offenes Geheimnis - ein Unrecht - mit ihm und stehen für zwei Varianten des Umgangs damit. Den Regeln von Schuld, Anerkennung, Dankbarkeit und Verpflichtung entgeht indes auch der „gute Erbe“ nicht. Auch seine Verpflichtung gegenüber dem Erblasser ist größer als die gegenüber den Opfern. Dieses spezifische Verhältnis begrenzt zwangsläufig auch die Opposition gegen Haider, den man lange genug als „postmodernen Politiker“, „Populist“ und „österreichischen Tony Blair“ verniedlicht hatte. Die Formel von der „Zivilgesellschaft“ kann das nur mühsam verdecken. Sie soll den Konflikt aus den Niederungen der Transaktionen herausholen und ihm eine erhabene bürgerliche Geste verleihen. Denn der Bürger ist der Mensch als moralische Person, der von seiner Rolle als ökonomische Privatperson absieht. Auf der Ebene der Zivilgesellschaft, wo es um das freie Meinen geht, kann und soll man Haider deligitimieren. Aber auf der Ebene des Erbes muß man ihm ausweichen. Tatsächlich taucht das Thema Bärental auf den Anti-Haider-Demonstrationen nur als witzige Anspielung („der Bärentaler“) auf. Niemand denkt ernsthaft daran, Delegationen zu den ehemaligen Besitzern zu schicken und eine Kampagne gegen ein Erbrecht zu starten, das es Haider erlaubt, sich aus ehemals jüdischem Besitz zu finanzieren.  
 
 
„Entschädigung“ als kostengünstiger Schlußstrich 
 
Österreich hat die Überlebenden des Naziterrors so langsam wie möglich und so gering wie möglich entschädigt. Nicht nur die jüdischen Opfer, sondern alle Opfer des Nationalsozialismus. Man übernahm vom „Tausendjährigen Reich“ das sogenannte „deutsche Eigentum“, aber dann dachte die Republik Österreich nicht daran, den überlebenden Opfern auch nur das wenige zu zahlen, was die Bundesrepublik Deutschland sich zu zahlen gezwungen sah. Trotzdem herrscht in der österreichischen Öffentlichkeit bis heute der Eindruck, daß die Opfer des Nationalsozialismus das Geld nur so gescheffelt und sich nach Kräften bereichert haben.  
 
Die lange Zeit dominierende und auch heute noch beliebte Selbstdarstellung Österreichs als des „ersten Opfers“ der nationalsozialistischen Aggressionspolitik erleichterte auch die Verleugnung des mittels Zwangsarbeit erzielten Industrialisierungsschubes der österreichischen Wirtschaft. Obwohl besonders die Umgebung der Fabriken und Großbaustellen mit KZ-Außenlagern vollgestellt war, wollte sich nach 1945 niemand mehr an die ausgemergelten Gestalten erinnern, mit denen man jeden Tag zu tun hatte. Die Frage, auf wessen Kosten die Umstrukturierung der österreichischen Wirtschaft, die Entstehung vieler neuer Industriezweige sowie der Zuwachs an Produktionskapazität und Produktivität in den 40er Jahren und dann der Nachkriegsboom zustande kam, wurde zum Tabu. Diese so unmittelbar sichtbare und spürbare Partizipation der österreichischen Gesellschaft an dem Ausbeutungs- und Mordprogramm dieser Jahre, wurde exterritorialisiert. Bereits 1946 machte man eine ganz andere Bilanz auf: Durch den Transfer österreichischer Devisen- und Goldvorräte nach Berlin sowie die durch Kriegszerstörungen habe das Land schweren Schaden erlitten. Und da Österreich zwischen 1938 und 1945 als selbständiger Staat nicht existiert habe, gingen einen auch die Forderungen nach Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und zu Zwangsarbeitern erklärte Kriegsgefangene nichts an.  
Viele der Firmen, deren Aufbau Tausende das Leben gekostet hat, wurden nach 1945 beschlagnahmt und verstaatlicht - vor allem, um einer Einziehung dieser Anlagen und Vermögenswerte durch die Alliierten zuvorzukommen. Österreich erhielt auf diesem Weg eine ungewöhnlich große verstaatlichte Industrie, die dann bis Anfang der 80er Jahre das Rückgrat der österreichischen Nachkriegswirtschaft wurde. Unter diesem Eigentum befand sich selbstverständlich auch ein großer Teil „arisierter“ jüdischer Firmen, etwa die Zellwolle-Fabrik Bunzl & Biach AG, gegen deren Rückstellung an den jüdischen Vorbesitzer sich die SPÖ 1947 aussprach.  
 
Während Deutschland nach dem Fall der Mauer ehemaligen Zwangsarbeitern in Polen und der Ukraine gönnerhaft 500 Mark spendierte und VW „freiwillig“, d.h. mit Blick auf die neuen Märkte im Osten, 20 Millionen Mark zahlte (die Rolling Stones-Tournee zur Einführung des neuen Golf kostete 35 Millionen Mark), geschah in Österreich nicht einmal das. Erst als 1998 US-Anwälte mit Sammelklagen drohten, belebte sich das Erinnerungsvermögen etwas, aber eben nur etwas, denn nun bestellte man erst einmal eine Historikerkommision. Noch im Frühjahr 1999 wollte Bundeskanzler Klima sich nicht drängen lassen: „Wien, so Klima, wartet ab“ („Profil“). So wird es nun ausgerechnet die ÖVP/FPÖ-Koalition sein, die demnächst die ersten Entschädigungszahlungen leisten wird. Die Opferverbände sehen sich Verhandlungsführern aus dem rechten Lager gegenüber. Wobei sich die FPÖ sogar als ihr Anwalt aufspielt: Die neue Regierung gibt sich darüber empört, daß das „längst gelöst hätte werden können“ (Susanne Riess).  
Am 22. März 2000 hat man sich in Wien entschlossen, die Zwangsarbeiter-Entschädigung „nach deutschem Vorbild“ abzuwickeln, also ebenfalls einen verhältnismäßig kostengünstigen Schlußstrich zu ziehen und ein für allemal „Rechtssicherheit“ zu erlangen. Maximal 15.000 Mark sollen an die wenigen gehen, die noch leben: Etwa 150.000 von insgesamt 700.000 Menschen. Da rechnen sich die Fabriken und Staudämme. Sie rechnen sich noch besser, wenn man, wie die österreichischen Verhandlungsführer, davon ausgeht, daß von diesen 150.000 Personen nur 20.000 wirklich Zwangsarbeiter waren, die anderen aber eher freiwillig ins Land gekommene „Fremdarbeiter“. Man ignoriert hier absichtlich die historischen Tatsachen. Die meisten Menschen aus Osteuropa waren zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt und die Unterscheidung zwischen „Fremdarbeitern“ und Zwangsarbeitern war nach und nach aufgehoben worden: „Der Angeklagte Sauckel berichtete, daß von den fünf Millionen ausländischen Arbeitern, die nach Deutschland gekommen sind, nicht zweihunderttausend freiwillig kamen. Diese Tatsache wurde dem Führer und den Angeklagten Speer, Göring und Keitel berichtet ... Wenn nicht genügend Arbeitskräfte zusammenkamen, wurden Kriegsgefangene unter offener Verletzung internationaler Abkommen zu Arbeiten für den Kriegsbedarf gezwungen“ (Der Nürnberger Prozeß, Bd. 2, S. 164).  
 
Keine Zahlungen erhalten sollen die in der Landwirtschaft eingesetzten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, ehemalige Kriegsgefangenen und die Erben von Zwangsarbeiter. Auch in dieser Hinsicht orientiert man sich an Deutschland. Zudem sträubt man sich nach wie vor gegen Zahlungen an jüdische Opfer bzw. an ihre Angehörigen, die bisher für Enteignungen und andere Vermögensverluste keinen Schilling erhielten. Zu bedenken ist schließlich, daß es sich bei der nun angekündigten Zahlungsbereitschaft bisher nur um vage Versprechungen handelt. Anfang April 2000 hat die Österreich Industrie nicht einmal einen Bevollmächtigten beauftragt. Nach wie vor wird das Argument ins Feld geführt, Österreich sei kein Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches oder die VA Stahl AG sei kein Rechtsnachfolger der Hermann-Göring-Werke. Mitte April reagierte die neue österreichische Regierung „mit Unverständnis“ auf die Milliarden-Sammelklage, die in New York der Anwalt Ed Fagan im Namen von Holocaust-Opfern gegen das auf Zeit spielende Österreich eingereicht hat. Diese Klage sei „mutwillig und absurd“ meinte Wolfgang Schüssel vor Journalisten in Wien. Nach Angaben der österreichischen Nachrichtenagentur APA warf die designierte Vorsitzende der FPÖ, Susanne Riess-Passer, Fagan vor, „aus der Nazi-Vergangenheit Österreichs Kapital schlagen zu wollen“. 
 
Wie in Deutschland geht der Druck zur Entschädigung nicht von der antirassistischen Opposition aus, denn wie in Deutschland hat auch in Österreich das Tätergedächtnis nie ohne ausländischen Druck funktioniert. Zum Glück „besteht eine Weltöffentlichkeit, die keineswegs das, was im Dritten Reich sich zugetragen hat, vergessen hat noch zu vergessen bereit ist. Wir hatten Gelegenheit, zu beobachten, wie es der Druck der Meinung außerhalb Deutschlands war, der uns zwang, Rechtsverfahren gegen Nazitäter durchzuführen, die Verjährungsfrist zu verlängern oder den Hergang der Massenverbrechen zu rekonstruieren“ (Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern). Auch Jörg Haider muß nun die Erfahrung machen, daß man nicht in Österreich allein darüber entscheiden kann, wann „es“ genug ist.  
Wie auch in Deutschland gibt es keinen Versuch der Linken, den kostengünstigen Schlußstrich zu verhindern und die Forderung nach „Rechtssicherheit“ zu Fall zu bringen. Ansonsten denken auch die Antirassisten bei dem Thema „Entschädigung“ nur an die großen Firmen, nicht aber an die ungezählten kleinen „Ariseure“ und Profiteure von Verfolgung und Zwangsarbeit. Auch der eigene Vorteil bleibt unerwähnt. Die KPÖ kämpft gar gegen die „Wildwest-Privatisierung“ des verstaatlichten ÖIAG-Konzerns durch „Schwarzblau“ und zitiert den ÖGB: „Das Privatisierungspaket gefährdet Arbeitsplätze und vernichtet Vermögenswerte.“ Um welche Vermögenswerte es sich bei der verstaatlichten Industrie handelt, das darf kein Thema sein. Wieviel drängende Fragen müssen im Kampf gegen Haider sicherheitshalber ausgeklammert werden? Schon die Gegner Waldheims schreckten davor zurück, eine Auseinandersetzung zu beginnen, in der sie sich einer großen Mehrheit ihrer Landsleute hätten entgegenstellen müssen. Die Wahl des ehemaligen Wehrmachtskarrieristen Kurt Waldheim hatte damals schon deutlich gemacht, daß man in Österreich nicht nur trotz, sondern gerade wegen der Beteiligung am Vernichtungskrieg in Serbien Bundespräsident werden kann. Doch ein Abgeordneter der Grünen warnte damals, daß, wenn die Frage der Mitverantwortung Waldheims an NS-Verbrechen allzu heftig diskutiert würde, sofort auch die Mitverantwortung Tausender anderer österreichischer Bürger zur Diskussion stünde. Eine solche Polarisierung des Themas führe aber, und das könne man politisch nicht verantworten, dazu, daß dann „viel hochkommt, was gefährlich werden könnte“.  
 
Günther Jacob 
 
 
Literatur:  
 
Werner Abelshauser: Wirtschaftsgeschichte der BRD 1945-1980, Frankfurt 1983  
 
Werner Abelshauser: Kriegswirtschaft und Wirtschaftswunder. In: „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“, Heft 4/1999 
 
Thomas Albrich: ‘Es gibt keine jüdische Frage’. Zur Aufrechterhaltung des österreichischen Opfermythos. In : Rolf Steininger (Hg.): Der Umgang mit dem Holocaust. Europa - USA - Israel. Wien 1994  
 
Brigitte Bailer-Galanda: Haider wörtlich. Führer in die Dritte Republik. Wien 1995 
 
Peter Böhmer: „Wer konnte, griff zu. Vermögenssicherung „arisierter“ und herrenloser Güter im Krauland-Ministerium 1945-1949“. Wien 1999 
 
Roland Berger/Peter Gillies: Das neue deutsche Wirtschaftswunder und seine Macher. Köln1992 
 
Michael Brackmann: Vom totalen Krieg zum Wirtschaftswunder. Essen 1993 
 
Der Nürnberger Prozeß: Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof. 42 Bde., veröffentlicht auf Weisung des Internationalen Militärgerichtshofes unter der Autorität des Obersten Kontrollrates für Deutschland, Nürnberg 1947 
 
Hubertus Czernin (Hg.): Wofür ich mich meinetwegen entschuldige. Haider, beim Wort genommen. Wien 2000 
 
Reinhard Engel, Joana Radzyner: Sklavenarbeit unterm Hakenkreuz. Die verdrängte Geschichte der österreichischen Industrie. Wien 1999 
 
Talos Emmerich/Ernst Hanisch/Wolfgang Neugebauer: NS-Herrschaft in Österreich 1938-1945. Wien 1988 
 
Wolfgang Exenberger/Johann Gross/Brigitte Ungar-Klein: Kündigungsgrund: Nicht Arier. Die Vertreibung jüdischer Mieter aus den Wiener Gemeindebauten. Wien 1998 
 
Florian Freund/Bertrand Perz: Das KZ in der ‘Serbenhalle’. Zur Kriegsindustrie in Wiener Neustadt, Essen 1991 
 
Florian Freund: Arbeitslager Zement - Das Konzentrationslager Ebensee. Essen 1991 
 
Florian Freund/Bertrand Perz: Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge in der „Ostmark“. In: Ulrich Herbert (Hg.): Europa und der ‘Reichseinsatz’. Essen 1991 
 
Michael Geyer: Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980. Frankfurt a. M. 1984  
 
Maurice Godelier: da Rätsel der Gabe. Geld, Geschenke, heilige Objekte, München 1999  
 
Frank Grube/Gerhard Richter: Das Wirtschaftswunder. Stuttgart Verlag 1995 
 
Jörg Haider: Befreite Zukunft jenseits von links und rechts. Wien 1997 
 
Hans Höller: Ingeborg Bachmann, Hamburg 1999 
 
Franz Januschek: Rechtspopulismus und NS-Anspielungen am Beispiel des österreichischen Politikers Jörg Haider. Duisburg 1992  
 
Stefan Karner: ‘Des Reiches Südmark’ - Kärnten und Steiermark im Dritten Reich 1938-1945. In: Talos Emmerich/Ernst Hanisch/Wolfgang Neugebauer: NS-Herrschaft in Österreich 1938-1945. Wien 1988 
 
Robert Knight: Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen. Die Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung über die Entschädigung der Juden. Frankfurt a.M. 1988  
 
Johannes Ludwig: Boykott, Enteignung, Mord. Die ‘Entjudung’ der deutschen Wirtschaft. Stuttgart 1992 
 
Robert Misik und Doran Rabinovici (Hg.): Republik der Courage. Wider die Verhaiderung. Berlin 2000  
 
Hans-Ernst Mittig: Zur Sozial- und Berufspsychologie von Künstlern und Kunsthistorikern. In: Nationalgalerie SMPK (Hg.) Ästhetische Moderne und Nationalsozialismus. Künstler und Kunsthistoriker 1925-1937. Köln 1999  
 
Josef Moser: Modernisierung der Wirtschaft am Beispiel Oberösterreich. Kontinuität von der NS-Zeit in die Wiederaufbauphase. In: Gesellschaft für Kritische Geographie (Hg.): Österreich vom Faschismus bis zum EU-Beitritt. Wien 1996  
 
Britta Obszerninks: Nachbarn am rechten Rand. Republikaner und FPÖ im Vergleich. Münster 1999 
 
Bertrand Perz: Projekt Quarz - Steyr-Daimler-Puch und das Konzentrationslager Melk. Essen 1991 
 
Wolfgang Purtscheller: Aufbruch des Völkischen. Wien 1993 
 
Wolfgang Purtscheller (Hrsg.): Die Rechte in Bewegung. Seilschaften und Vernetzungen der ,Neuen Rechten`. Wien 1996 
 
Hazel Rosenstrauch: Beim Sichten der Erbschaft - Wiener Bilder für das Museum einer untergehenden Kultur. Wien 1992 
 
Hans Safrian: Die Eichmann-Männer. Wien 1992 
 
Hans Safrian: Und plötzlich waren sie alle weg. Wien 1988 
 
Hans-Henning Scharsach: Haiders Kampf. Wien 1992 
 
Horts Schreiber: Widerstand und Erinnerung in Tirol 1938-1998. Wien 2000 
 
Armin Thurnher: Das Trauma, ein Leben. Österreichische Einzelheiten. Wien 1999 
 
Harald Welzer: Verweilen beim Grauen, Tübingen 1997 
 
Simon Wiesenthal: Recht, Nicht Rache. Erinnerungen. Frankfurt a.M: 1988 
 
Simon Wiesenthal: Denn sie wußten, was sie tun. Zeichnungen und Aufzeichnungen aus dem KZ Mauthausen. Wien 1995 
 
Ruth Wodak u.a. (Hg.): Wir sind die unschuldigen Täter. Diskurshistorische Studien zum Nachkriegsantisemitismus in Österreich. Frankfurt a.M. 1990  
 
Christa Zöchling: Haider, Licht und Schatten einer Karriere. Wien 1999 
 
 
 
 
 
BUCHBESPRECHUNG  
 
Tatblatt 
 
 
postfaschistische Intimität ...  
Ein Nazi kommt selten allein 
 
Rezension:  
Hermann L. Gremliza (Hg.)  
Braunbuch Österreich  
Ein Nazi kommt selten allein  
Konkret Texte 26  
KVV konkret, 2000  
168 Seiten; öS 166.- 
 
 
Schon wieder ein Buch über Haider, lautete ein innerredaktioneller Kommentar zum hier besprochenen Band, dessen Umschlag das Konterfei Haiders in Siegerpose ziert. Dabei tut nichts mehr diesem Buch unrecht. Viel treffender als das Umschlagsfoto erweist sich nach der Lektüre des Braunbuch Österreich denn auch der Untertitel: Ein Nazi kommt selten allein. Denn im Unterschied zu anderen der zuletzt zahlreich erschienenen Bücher über Jörg Haider konzentriert sich das Braunbuch nicht auf dessen Person, sondern stellt diese in den Kontext österreichischer Politik seit 1945 und davor. Statt sich in biografischen Details oder der Person Haiders eigenen Zügen zu verstricken, beschreiben die Beiträge zum Buch Haider weniger als Betreiber denn als Auswuchs österreichischer Wirklichkeit.  
Haider, andernorts gerne als Ausnahmeerscheinung dämonisiert, sei schlicht ein "Übertreiber österreichischer Zustände", wie Wolfgang Purtscheller den Politologen Anton Pelinka zitiert. Damit bewegt sich Haider freilich wie ein Fisch im Wasser, wo "das Verschweigen der eigenen Teilnahme an den Massenmorden der Vergangenheit, das Hüten eines schwerwiegenden Geheimnisses, eine besonders dichte, drückende Atmosphäre (schuf), eine spezifische postfaschistische Intimität. Es entwickelte sich eine bestimmte, von außen schwer durchschaubare Sprache der Andeutungen und des Zuzwinkerns, der Komplizenschaft und des Kupplerblicks, die Haider dann in erstaunlicher Virtuosität sich zu eigen gemacht hat (...)" (Gerhard Scheit). Haiders Biografie hält die AutorInnen des Braunbuches sodann nur soweit auf, als diese modellhaft für Generationen von Erben steht.  
 
Erben sowohl in ideologischer Hinsicht als auch und gerade in materieller, wie insbesondere Günther Jacob in seinem Beitrag zur "Industrialisierung der 'Ostmark', die Erben des Wirtschaftswunders und die Rätsel der Erinnerung" ausführt. Dass die Erben des "Wirtschaftswunders" die späten Früchte von "Arisierung", Zwangsarbeit und Massenmord genießen, so Jacob sinngemäß, erkläre den bekannten Umgang mit der Geschichte bis ins Heute, und zwar über alle Parteigrenzen hinweg.  
Diese, oder besser gesagt: das Fehlen solcher im Umgang mit "Ehemaligen" und Immer-noch-Nazis, untersucht auch Erwin Riess in zwei Beiträgen zur Geschichte der FPÖ und dem Struktur- und sozialen Wandel unter Bruno Kreiskys Regie in den 70er-Jahren - und der einhergehenden Förderung der FPÖ. Eine Förderung, die schon der F-Vorgängerin VDU keineswegs nur aus wahltaktischen Gründen widerfuhr, sondern in einen antisemitischen und rassistischen Konsens eingebettet ist, der neben dem produktiven Erbe des NS auch die personellen Kontinuitäten in Wirtschaft (gerade auch der Verstaatlichten) und Politik (Wie viele gestandene Nazis saßen als Minister in Kreiskys SP-Minderheitsregierung) sicherstellte.  
Ein Konsens, der auch angesichts österreich-patriotischer Anflüge bei jenen Teilen des Widerstands noch weiter zu bestehen scheint, die sich in einer bloßen Kritik an der Regierungsbeteiligung der FPÖ erschöpfen, und das Rassistische und Antisemitische anderer Regierungskonstellationen in diesem Land ausblenden. Simone Dinah Hartmann und Sylvia Köchl untersuchen diese Frage in ihrem Beitrag zum "sogenannten Widerstand", und Heribert Schiedel beleuchtet Rassismus und Antisemitismus in Österreich seit 1986 - mit der Waldheim-Affäre und dem Innsbrucker Parteitag der FPÖ ein markanter Einschnitt - bis zum Tod Marcus Omofumas.  
Die Person Haiders rückt erst wieder in den Mittelpunkt des Interesses, wo Kay Sokolowsky dessen "Geburt aus dem Geist des Fernsehens" analysiert: "Es gäbe die Figur Jörg Haider nicht, gäbe es nicht das Fernsehen." Womit Solokowsky ein Spannungsfeld von Faschismus und Bildern, Pop und Mode zeichnet, in dem sich Haider seiner Ansicht nach gekonnter bewegt als andere PolitikerInnen.  
Mit weiteren Beiträgen zu den Nato-Träumen der FPÖ, der "sudetendeutschen Frage", dem Protest österreichischer KünstlerInnen sowie einem Interview mit Michael Scharang über Karl Kraus und dessen Verhältnis zu Austrofaschismus und Nationalsozialismus stellt das Braunbuch Österreich einen äußerst informationsreichen Kommentar zu den herrschenden Verhältnissen dar, unschätzbar vor allem in der Diskussion mit jenen "Demokraten", die "uns vor dem Nazi (retten) - um den Preis, daß Demokraten seine Politik machen" (Hermann L. Gremliza).  
 
hobo  
 

 

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Letzte Änderung am 4.09.2002