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NS-Zwangsarbeit am Erzberg (Steiermark) 
 
 
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Andere Erz-Standorte (3) - Völklingen

Projekt Eisenerz 2001 
 
(D) Materialien  
 
Erzverarbeitung und Zwangsarbeit in der saarländischen Stadt Völklingen 
 
 
In Völklingen werden die Grabstätten der ermordeten Zwangsarbeiter heute "Ausländergedenkstätte" genannt. Nicht allen gelingt es eben so smart zu sein, wie man es in Berlin oder Wien beherrscht. "Vor Ort" rutscht öfters raus, was (immer noch) wirklich gedacht wird über die "Fremdarbeiter" - falls man überhaupt an sie denkt. In Völklingen erzwangen die Siegermächte die Gedenkstätte. Der "Ausländerfriedhof" ist mit Hammer und Sichel geschmückt - im Gedenken an die Sowjetbürger, die in Völklingen starben.  
 
 
“Erinnerungskultur“ heute:  
 
 
Der brutale Einsatz von Zwangsarbeit bei der Erzgewinnung und Erzverarbeitung für Rüstungszwecke war nicht auf den Staatskonzern Hermann-Göring-Werke beschränkt. Er wurde beispielsweise im Saarland (in der Stadt Völklingen) von den privaten Röchling-Werken organisiert.  
 
Ob Linz in Österreich oder Völklingen in Deutschland: Auch wenn einzelne Historiker, Journalisten oder Initiativen aufdecken, was damals geschah: „Die Leute“ in beiden Nachfolgestaaten des „Dritten Reiches“ (und mit ihnen wiederum viele Historiker, Journalisten, Politiker...) erinnern sich auch heute noch gerne an die „guten Seiten“ dieser Zeit. Dazu folgendes Beispiel:
 
 
 
 
Siehe auch:  
http://people.freenet.de/go-home/0.htm 
 
Siehe auch: 
http://home.t-online.de/home/go-now/ 
 
Siehe auch: 
http://forum.mur.at/eisenerz/ 
(Günther Jacob)  
 
 
TV-Sendung Kontraste, 21. September 2000 
http://www.kontraste.de/
 
 
 
 
Weltkulturerbe "Röchling-Völklingen" - Bleibt ein Kriegsverbrecher der Namenspatron?  
 
 
AUTOR: Chris Humbs Kontakt über: kontraste@sfb.de 
Adolf Hitler Ehrenbürger einer deutschen Stadt - nein das haben wir nicht auf einer Homepage von Nazis gelesen. Es gibt ihn wirklich in der Stadt Völklingen im Saarland! Ehrenbürger ist dort auch ein Mann, der seinem Freund Hitler tatkräftig half, die Kriegsmaschine anzutreiben. Z.B. durch die Verschleppung von Zwangsarbeitern an die Saar. 55 Jahre nach seinen Verbrechen wird dieser Bürger noch immer in Ehren gehalten! 
Das können Sie sich schwer vorstellen? Wir konnten das auch nicht. Chris Humbs war in Völklingen. 
Völklingen im Saarland - die Stadt mit Eisenherz - so verkauft sich der 50.000 Einwohner Ort. Aber die Eisenzeit ist vorbei - was übrig blieb, ist eine stillgelegte Hütte, eine Arbeitslosigkeit von knapp 13nd eine rote Mehrheit im Rathaus.  
Am liebsten wohnt man in den Arbeitersiedlungen am Stadtrand. Hier ist es beschaulich - und hier besinnt man sich noch gerne alter Zeiten: Der Hüttenchef von damals wird heute noch verehrt. Blümchen für Dr. Hermann Röchling. Ja - ein ganzer Stadtteil wurde nach ihm benannt:  
O-Ton BÜRGER 
"Für die Bürger hier hat er Positives geleistet. Er ist ja auch der Pate der damals hier geborenen Kinder - das war 1938."  
O-Ton BÜRGER  
"Er kam hier mit dem Pferd hoch geritten und hat an die Kinder Geschenke verteilt." 
O-Ton BÜRGERIN 
"Also wirklich, ich kann nur Gutes sagen."  
Dr. Hermann Röchling ist ein verurteilter Kriegsverbrecher. Röchling war mehr als nur Hüttenchef. Von seinem Werk aus regierte er weit über das Saarland hinaus.  
60 Jahre ist es her - da hatte das Werk seine Blütezeit - unter der Führung des Technokraten und Ingenieurs Röchling.  
O-Ton HERMANN RÖCHLING 
"also ganz richtig: Maulhalten ist die erste Bürgerpflicht - ja - Herr Kommerzienrat"  
Er war bekennender Antisemit, Nationalsozialist, und bereits in den 20er Jahren ein führender Politiker im Saarland. Hitler sah in Röchling einen echten Verbündeten. Röchling stand für Eisen und Stahl - und für die Rüstung - um jeden Preis  
Musik  
Hitlers Größenwahn spornt Röchling an: er präsentiert seinem Führer eine neues Waffensystem, die V3 - er nennt sie liebevoll: fleißiges Ließchen. Eine Hochdruckkanone mit gewaltiger Reichweite. 700 Geschosse am Tag sollen London in Schutt und Asche legen. Das Monstrum wird kurz vor dem Einsatz von britische Tiefflieger zerstört.  
Der Führer ist vernarrt in Röchling und Röchling in den Führer. Hitler macht ihn zum Chef der Wehrwirtschaft und zum Chef der Reichsvereinigung Eisen: Ab sofort bestimmt Röchling über die Stahlproduktion im ganzen Reich - er bestimmt auch über seine Konkurrenz im Ruhrpott, über Krupp und Thyssen.  
Mehr Arbeiter - fordert Röchling. Und er findet die Lösung: Zwangsdeportationen aus den besetzten Ostgebieten. Röchling will mit der Versklavung die Eisen-Produktion unbedingt steigern. Nur so, glaubt er, ist der Endsieg zu erreichen.  
Hitler befürwortet Röchlings Idee: Ein Sitzungsprotokoll. Der Führer erklärt dabei:  
Die Aktion heißt Röchling-Programm und die Deportationen der Zwangsarbeiter: Röchling-Transporte. Jeder Zehnte wird Deutschland nicht lebend erreichen, stirbt auf den langen Transporten. Röchling, hier im Führerhauptquartier in der Ukraine, weiß es - es ist ihm egal. Und, Röchling fordert härteste Strafen für Zwangsarbeiter die nicht spuren. Sein Werk in Völklingen hat ein eigenes Umerziehungslager - viele, meist noch Jugendliche kommen dort grausam zu Tode. Gräber der Zwangsarbeiter in Völklingen.  
Wir finden eine Zwangsarbeiterin die überlebt hat. Sie mußte für Röchling auf dem Hochofen arbeiten. Sie bittet uns kein Foto von ihr zu zeigen. Sie bittet uns nichts über sie zu erzählen. Sie will nicht erkannt werden. In einem langen Gespräch mit ihr wird uns klar: sie hat Angst. Angst davor, dass sie Ärger bekommen wird, wenn sie die Wahrheit erzählt.  
Röchling muß sich in einem eigens für ihn einberufen Gericht verantworten. GI´s ergreifen ihn 1946 durch Zufall - er war untergetaucht und auf der Flucht. Er wird zu 10 Jahren verurteilt. Die Abscheulichkeit und Grausamkeit seiner Verbrechen ist mit alten Definitionen nicht zu fassen.  
So steht im Urteil der damals neue juristische Begriff: Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Nach fünf Jahren kommt Röchling frei. Er darf das Saarland jedoch nie mehr betreten.  
Auf der Hermann-Röchling Höhe hat der Sportverein zum Volksfest geladen. Und die Heimmannschaft holt sich drei Punkte - mit Röchling auf dem Rücken. 
Die Damen des SV 49 Hermann-Röchling-Höhe bereitet sich auf ihren Einsatz vor - hat man ein Problem mit dem Namen Röchling?  
O-Ton FUSSBALLFRAU DES SV 49 
"Also ich spreche nur positiv über ihn" Frage: dass er mit verantwortlich war für die Rekrutierung von Zwangsarbeitern aus den Ostgebieten - das alles spielt da weniger eine Rolle? "Ja, Ja. Also - ich würde sagen, dass gute überwiegt."  
1956, ein Jahr nach Röchlings Tod - 11 Jahre nach Kriegsende - wird der Stadtteil in Hermann-Röchling-Höhe umbenannt. Weil er so viel Gutes getan hat, sagt man hier. Er gab den Arbeitern in den 30er Jahren Kredite zum Häuserbau. Er wollte Abhängigkeiten schaffen und Arbeitskräfte binden. Diesen Form des Kapitalismus verstehen die Völklinger bis heute als soziales Engagement. Röchling, der gute Patriarch - und die andere Seite?  
O-Ton: JUNGE FRAU 
"An sich will jeder von uns das ganze vergessen. An sich will niemand das ganze aufwühlen. Wie das früher war. Und ich find nicht, dass wir jetzt irgendwas an dem Namen ändern sollten Wir wohnen hier, wir sind ein Ort wie jeder andere. Wir sind ein kleines Völkchen und lebe hier friedlich und wollen Unruhe vermeide. Und wenn jetzt dieses Thema jetzt hier im Fernsehen breitgetreten wird, woher kommt der Name und wieso existiert der überhaupt noch finde ich das an sich nicht so besonders toll."  
Einer der wenigen, die versuchen gegen das Verdrängen vorzugehen ist Paul Ganster von den Grünen. Seit Jahren ist er nicht mehr im Stadtrat. Er gilt als Sonderling, als Unruhestifter:  
O-Ton PAUL GANSTER - GRÜNEN VÖLKLINGEN 
"Wir hatten versucht über Flugblätter aufzuklären und eine Umbenennung durchzusetzen. Wir wurden schmählich verjagt, mit handgreiflichen Argumenten muß man sagen - uns wurden Prügel angedroht, das ging also nicht. Wir mussten dann im Stadtrat zur Kenntnis nehmen, das war 86 oder 87, da gab es eine 50-Jahrfeier der heute Hermann-Röchling-Höhe, früher Bouser-Höhe, auch dort ging die Glorifizierung dieses Hermann Röchlings weiter, ganz breit in der Bevölkerung getragen. Wir sahen damals keine Chance. Dann hatten wir einen Ansatz gewagt auf einer ganz anderen Ebene: die Ehrenbürgerschaften Hermann Röchlings und Adolf Hitler die bis heute noch in Völklingen existieren in Frage zu stellen, auch damit sind wir gescheitert."  
Mit diesen Eindrücken fahren wir zum Oberbürgermeister. Er ist von der SPD. Er wollte uns eigentlich kein Interview geben. Zu lange war er als Betriebsrat mit der Hütte und den Arbeitern liiert, das Thema ist ihm zu heiß, erklärte uns sein Sprecher. Wir versuchen es dennoch.  
O-Ton HANS NETZER, OBERBÜRGERMEISTER VÖLKLINGEN (SPD) 
Frage: "ARD-Fernsehen - wir haben ja bereits ausrichten lassen, dass wir gerne mit Ihnen gesprochen hätten". 
Netzer: "Und ich habe Ihnen ausrichten lassen, dass ich nichts zu sagen habe". 
Frage: "Also, Sie wollen überhaupt keine Stellungnahme dazu abgeben?" 
Netzer: "Sie haben eine juristische Stellungnahme des Städte -und Gemeindetages darüber hinaus ist das Thema für uns nicht zu erörtern!"  
Und in dieser Stellungnahme heißt es:  
Grafik: 
"Die Entscheidung über die Benennung oder Umbenennung von Stadt-/Ortsteilen obliegt im Saarland...ausschließlich dem jeweiligen Stadt-/Gemeinderat..."  
Also, der Bürgermeister schiebt jegliche Verantwortung nach unten ab:  
Frage: "Also - es ist kein Problem für Sie, dass hier ein Kriegsverbrecher glorifiziert wird"? 
Netzer: "Ich bin nicht bereit, mich auf das Niveau von Ihnen herabzulassen - es bleibt bei der schriftlichen Stellungnahme die Sie haben. Darüber hinaus gibt es kein Interview". 
Frage: "Sie wollen tatsächlich nichts dazu sagen, dass hier ein Ortsteil nach einem Kriegsverbrecher benannt ist - und dass Sie nichts dagegen unternehmen?"  
Netzer: "Sie können sagen was Sie wollen."  
Weder das Rathaus, noch die Schulen in Völklingen haben Interesse an den Zwangsarbeitern der Hütte. Niemand will die Geschichten dieser Zeitzeugen hören. Kollektiv hat man die Nazi-Zeit der Stadt verdrängt. Wer an die Verbrechen erinnert, macht sich unbeliebt in Völklingen."  
Das Stahlwerk von Hermann Röchling. Schon lange stillgelegt ist es das größte Altlastenproblem des Saarlandes. Die historische und ökologische Altlast verwandelte die Landesregierung des Saarlands kurzerhand in ein Weltkulturerbe.  
Der Chef der Saar-SPD und jetzige Verkehrsminister Reinhard Klimmt: Er initierte, dass die Hütte offiziell zur "Kathedrale" des Industriezeitalters erkoren wurde.  
O-Ton REINHARD KLIMMT, VORSITZENDER SAAR-SPD 
"Das Weltkulturerbe von der UNESCO anerkannt in Völklingen ist ja ein technisches Monument, dass in der Welt seines Gleichen auf der Welt sucht - deswegen ist es ja auch als Weltkulturerbe anerkannt worden. Aber es ist gleichzeitig nicht nur ein technisches Denkmal sondern, es ist auch für die Regionalgeschichte von Bedeutung, dort wird die Sozialgeschichte einer ganzen Region dokumentiert."  
Eine merkwürdige Dokumentation: Im Jahresregister des offiziellen Katalogs zum Weltkulturerbe wurden vorsorglich die 30er und 40er Jahre ausgespart.  
Aber - so heißt es - die Opfer der Zwangsarbeit kommen nicht zu kurz. Es gibt sogar eine Gedenktafel im Werk. Hier in diesem Ausstellungsraum soll sie sein. Hier wird Werksgeschichte erzählt: Die Cartoons vom Playboy sollen an die Pinupgirl-Kultur in den Spindräumen der Arbeiter erinnern.  
Hinter den Stellwänden finden wir eine Gedenktafel. Sie ist demoliert. Kein Besucher wird sie finden und lesen kann man auch nichts.  
Der Ausstellungsmacher:  
O-Ton MEINRAD MARIA GREWENIG, LEITER DES WELTKULTURERBES 
"Nun gut, wir hätten die Tafel an einem anderen Ort anbringen können, aber für uns ist das nicht das zentrale Thema."  
Reinhard Klimmt ist als gelernter Historiker mit dem Thema "Röchling und Zwangsarbeit" bestens vertraut. Dennoch - auch er will vor allem die guten Seiten der Röchling-Ära sehen: Imposante Technik und das soziales Engagement des Hüttenchefs. Deshalb gibt es für ihn keinen Grund die Herman-Röchling-Höhe umzubenennen.  
O-Ton REINHARDT KLIMMT, VORSITZENDER SAAR-SPD 
"Es geht nicht darum, dass jemand, der mit den Nazis zusammengearbeitet hat damit zu ehren, sondern es bezog sich auf die andere Seite seiner Tätigkeit und diese Debatte muß in Völklingen vor Ort geführt werden und da werde ich von außen keine Hinweise oder Vorschriften erlassen."  
Niemand will Völklingen wachrütteln - eine politische Katastrophe - das glaubt Michel Friedman.  
O-Ton MICHEL FRIEDMAN, ZENTRALRAT DER JUDEN 
"Er war ein aktiver Nazi, ein Kollaborateur, jemand der Zwangsarbeit zu vertreten hat. Er ist auch deswegen zu 10 Jahren verurteilt worden. Ein solcher Mann kann kein Vorbild sein. Und es ist Aufgabe der politischen Parteien dies der Bevölkerung deutlich zu machen. Ich warne davor, sich vor dieser Aufgabe zu drücken. Orientierung ist gefragt. Und wenn ich Orientierung ernst nehme, dann kann so ein Mann nicht geehrt sein."  
Doch in Völklingen ist man sich einig: der Name Hermann-Röchling-Höhe soll bleiben. 
 
 
Der ehemalige Ministerpräsident des Saarlands und Historiker, Reinhardt Klimmt, findet also nichts dabei, Röchling, dem mit den "guten Seiten", also nicht dem Nazi, einen Stadtteil zu widmen. Wie wär's denn dann etwa mit einer Allee für den anderen Völklinger Ehrenbürger Adolf Hitler: Der hat ja auch nicht nur Völker morden lassen, sondern ebenfalls Arbeitsplätze geschaffen. Bestimmt auch für die Saarländer. 
 
 
 
 
 
 
Völklingen 
 
26.9.2000 jw 
(...) Im Fernseh-Magazin »Kontraste« sah ich einen Bericht über Völklingen. Dort ist ein Stadtteil nach dem verurteilten Kriegsverbrecher Hermann Röchling benannt. Er und Adolf Hitler sind Ehrenbürger der Stadt. Der frühere Ministerpräsident Klimt (SPD) möchte sich, dazu befragt, nicht einmischen. Das sei Sache der Bürger. Ganz demokratisch. Die Bürger finden Röchling toll. Er habe für die Arbeiter gut gesorgt. Damit sind natürlich nur die deutschen Arbeiter gemeint und nicht die „fremdvölkischen“, die Zwangsarbeiter, die, falls noch am Leben, heute noch auf das Trinkgeld warten, das man offiziell Entschädigung nennt. Die Großväter und Urgroßväter der heutigen Bürger des Saarlands haben 1935 mit 90 Prozent für den Anschluß des Saarlands an Hitler-Deutschland gestimmt. Ganz demokratisch. Nun mag mancher, der die allgemeine Reklame für Zivilcourage, Gesichtzeigen etc. für bare Münze hält, ein wenig erstaunt sein.  
 
 
 
Zur Parallele Österreich-Saarland 
 
 
 
1999 
Zum Beispiel: Saarbrücken.  
Von Kurt Pätzold 
Wer sich in Saarbrücken, Völklingen, Neunkirchen oder sonstwo im Saarland heute noch an den Januartag 1935 erinnern kann, da er sich aus besonderem und einmaligem Anlaß zu seinem Wahllokal aufmachte, hat seinen 80. Geburtstag hinter sich. An jenem Tag entschieden sich mehr als 90 Prozent der Bewohner des Saargebiets für dessen Anschluß an jenes Deutschland, in dem seit nahezu genau zwei Jahren die Faschisten regierten. Dabei hatten sie eine Wahl. Zugegeben: Die Alternativen waren nicht sehr attraktiv, aber sie waren jedenfalls vernünftig. 
Das galt weniger für die Möglichkeit, für die Einbeziehung des Territoriums in die französische Republik zu stimmen. Das Saargebiet, entstanden aus preußischen und bayerischen Landesteilen, war in dieser Form eine Schöpfung des Versailler Vertrages und an die herrschenden Kreise Frankreichs zur Ausbeutung namentlich seines Kohlereichtums übergeben worden. Diese Regelung war auf 15 Jahre begrenzt, und diese Frist lief 1935 ab. Die Bevölkerung hatte, wie ihr versprochen worden war, über das Weitere zu entscheiden - zwei Jahre nach dem Ende der Weimarer Republik. 
Das tat sie nun, und sie schlug auch die zweite der alternativen Möglichkeiten aus: ein Votum für die zeitweilige Aufrechterhaltung des status quo, also für eine Weiterexistenz des Landes als eines besonderen Gebiets unter der Aufsicht des Völkerbundes und mit einer womöglich gemilderten Dominanz der ungeliebten französischen »Gäste«. Für diese Lösung hatten sich die Kommunisten und Sozialdemokraten des Landes ausgesprochen, unterstützt von einer geringfügigen Minderheit christlich-orientierter Politiker und deren zahlenschwacher Gefolgschaft. 
Doch ihr Projekt erlitt eine verheerende und folgenschwere Niederlage. Die bei sonstigen Wahlen starke Anhängerschaft der beiden Arbeiterparteien wurde bei weitem nicht erreicht, sie zerstreute sich nahezu spurlos. Es regierte die nationale Trunkenheit. Darauf hatten die Führer in Berlin und München geschickt gesetzt. Ihre eigene Parteiorganisation verkroch sich in dem der Abstimmung vorausgehenden Kampf in einer »deutschen Front«. Sie agitierte mit populären, aber ebenso inhaltslosen Parolen und Phrasen, darunter solchen in der Mundart des Landes. »Nix wie hemm«, lautete eine von ihnen, und sie war in einer Weise bebildert, die vielen aus rührseligen Geschichten vor Augen stand. Die Verlorenen kehren heim zur Mutter. 
Die Entscheidung fiel am 13. Januar des erwähnten Jahres 1935, und an sie erinnert in der Landeshauptstadt bis heutigen Tages eine Straße. Die Taufpaten benannten sie so aus Ruhmredigkeit. Zeitgenossen und Nachfahren des Ereignisses hat das bis dato nicht oder nur wenig angefochten. Nun haben »Straßenkämpfer« mobilgemacht und erheblich verspätet auf Großplakaten auf das - um ein stärkeres Wort zu vermeiden - Versäumnis aufmerksam gemacht. Und siehe da: Es finden sich Leute, denen die Trennung von der teuren Erinnerung immer noch schwer zu fallen scheint. 
Daß am 30. Januar 1933 die Deutschen einen Reichskanzler Hitler bekamen, das hatten die großkapitalistischen, großagrarischen und militaristischen Kanzlermacher bewirkt, aber sich doch auch nahezu 40 Prozent der Deutschen, also eine starke Minderheit der Wahlbevölkerung, auf das Gewissen geladen. Die Saarländer (wie Österreicher) hingegen entschieden sich zu 90 Prozent  
und mehr für das Leben im Reiche des Adolf Hitler und das, nachdem ihnen zwei Jahre Beobachtungszeit jenseits der Grenzen geblieben war. Zeit zur Wahrnehmung der Liqudierung der parlamentarischen Bürgerrechte, der Errichtung der Folterlager, der Betätigung der Guillotine gegen Antifaschisten, der beginnenden Judenverfolgung und der einsetzenden Aufrüstung. 
Auch nicht mehr ganz junge Saarländer erinnern sich an die fünf Jahre nach ihrer »Heimkehr« in den Grenzorten einsetzende Evakuierung der Bevölkerung ins Reichsinnere, womit Schußfeld für den Krieg gegen Frankreich freigemacht wurde. Anderen ist der Luftkrieg über ihren Städten in grausiger Erinnerung geblieben. Über die Folgen dieses 13. Januar 1935 kann es schwerlich zweierlei Meinung geben.  
Den Hitler, Heß und Goebbels, die am 1. März 1935 triumphierend in die Stadt eingezogen waren, folgte alsbald die Wehrmacht (und Polizei), dann kamen die Kolonnen der »Organisation Todt« und die anderen Erbauer des Westwalls, dessen Ruinen noch entdecken kann, wer wachsamen Auges durchs Land fährt.  
 
 
 
 
 
 

 

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Letzte Änderung am 2.09.2002